Zweiter Prozess : Mit Pokermiene auf die Anklagebank

Im zweiten Prozess nach dem spektakulären Hyatt-Überfall werden es die Ermittler nicht leicht haben. Die beiden mutmaßlichen Hintermänner auf der Anklagebank haben bislang geschwiegen.

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Eine Herausforderung, nennen es die einen. Eine potenzielle Enttäuschung, sagen die anderen. Mit Spannung erwarten Verteidiger, Ankläger und Ermittler den Prozess gegen die mutmaßlichen Drahtzieher des spektakulären Überfalls auf das internationale Pokerturnier am Potsdamer Platz. Rund fünf Monate nach dem Coup vom 6. März müssen sich ab Donnerstag zwei Männer wegen gemeinschaftlichen schweren Raubes und gefährlicher Körperverletzung vor dem Landgericht verantworten: Auf der Anklagebank vor Richter Carsten Wolke sitzen dann Ibrahim El-M., 29 Jahre alt, mutmaßlicher Fluchtwagenfahrer, und Mohammed Abou-C., 31, möglicher Tippgeber. Die Männer werden von Freunden Ibo und Momo genannt.

„Wackelig ist der Fall nicht“, heißt es in Justizkreisen. „Aber massenhaft Beweise wie beim ersten Verfahren gibt es leider nicht.“ Der jetzt beginnende Prozess sei „eine andere Liga“ als die erste Anklage. Vor sieben Wochen waren vier polizeibekannte Heranwachsende, die laut Staatsanwaltschaft brüllend und bewaffnet das Turnier im Hyatt-Hotel gestürmt und 242 000 Euro erbeutet hatten, verurteilt worden: Die „Nachwuchsräuber“ bekamen bis zu knapp vier Jahre Freiheitsstrafe. Sie hatten die Tat weitgehend gestanden.

Anders Ibo und Momo. Die beiden Angeklagten haben in Untersuchungshaft geschwiegen, was den Ankläger sicher nicht freuen dürfte. Staatsanwalt Frank Heller hatte es im ersten Verfahren von Anfang an mit gesprächigen Beschuldigten zu tun. Der nun angeklagte Mohammed Abou-C. gehört einer Großfamilie an, die zu bekannten Clans aus der Türkei und dem Libanon gezählt wird. Den Großfamilien wird nachgesagt, dass sie im Rotlichtmilieu der Stadt aktiv seien. Männer aus dem Umfeld der Clans sollen als Türsteher in Diskos arbeiten, auch weil sie so kontrollieren könnten, welche Geschäfte in den Läden stattfinden. Der 31-jährige Momo, der selbst am Pokerturnier teilnahm, soll die Idee für den Überfall gehabt und vom Turnier via Handy das Startsignal an die vier Jungräuber vor dem Hotel gegeben haben. Seine Verteidiger waren für eine Stellungnahme am Dienstag nicht zu erreichen. Der Anklage zufolge warb der 29-jährige Ibo zuvor die vier jungen Männer an, instruierte sie kurz vor der Tat am Potsdamer Platz und fuhr die wegen des Widerstandes des Hotelpersonals überforderten Räuber nach dem Überfall zu einer Garage, in der die Beute aufgeteilt wurde.

Auf Ibo kamen die Ermittler, weil zwei der vier Jungräuber bei Verhören seinen Namen genannt haben sollen. Allerdings dürften die Männer vor ihrem eigenen Prozess auch ein Interesse daran gehabt haben, mit den Behörden zu kooperieren und den Ermittlern „Stoff zu liefern“ – schließlich hofften sie auf milde Urteile. Im Prozess selbst nannte nur noch einer Ibos Namen. In dem am Donnerstag beginnenden Verfahren könnte er die Aussage ganz verweigern, weil er sich nicht selbst belasten muss: Sein Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Er und zwei weitere Verurteilte hatten Rechtsmittel gegen die Entscheidung des Landgerichts eingelegt. Über das Verfahren entscheidet der Bundesgerichtshof.

Nur das Urteil gegen den 20-jährigen Ahmat El-A. ist rechtskräftig, er kann die Aussage nicht verweigern – und muss eventuell unter Eid in den Zeugenstand. Geplant ist, die verurteilten Räuber am 24. August aus ihren Zellen in den Gerichtssaal in Moabit zu führen. Vor der Jugendstrafkammer hatte El-A. allerdings nur von einem Hintermann gesprochen, den er „U2“ nannte. Reicht das, um Ibo zu verurteilen? „Das Gericht wird eine schwierige Aufgabe haben“, sagt Detlef Kolloge vorsichtig. Der renommierte Strafverteidiger vertritt den 29-jährigen Angeklagten und geht von der Unschuld seines Mandanten aus.

Zwar könnten die Ermittler mehr Indizien als die Aussage der schon verurteilten Räuber vorlegen, sagen Kenner. Aber auch die seien „nicht niet- und nagelfest“. Dazu zählen etwa die Verbindungsdaten zweier Handys, mit denen das Startkommando aus dem Hotel an die davor wartende Clique gegeben worden sein soll. Beamten zufolge seien die benutzen Telefone nicht auf Momo und Ibo zugelassen, sondern auf falsche Namen registriert.

Trotz intensiver Ermittlungen ist übrigens nach wie vor nicht klar, wo das Geld steckt. Auch wie die Beute unter den Männern aufgeteilt worden ist, bleibt letztlich Spekulation. Bisher sind nur 4000 Euro aufgetaucht.

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