Berlin : Polizei kam erst eine Stunde nach dem Unfall

An längere Wartezeiten müssen sich die Berliner gewöhnen, sagen die Verantwortlichen: Es gibt zu wenig Beamte und Streifenwagen

Jörn Hasselmann

Der Unfall geschah gegen 17 Uhr. Ein Auto überfährt eine rote Ampel, rammt auf der Kreuzung Stauffenbergstraße/ Reichpietschufer einen Smart. Beide Fahrer bleiben unverletzt, der Smart ist Totalschaden. Der Smart-Fahrer, der für einen Krankenpflegedienst wichtige Medikamente ausfährt, ruft die Polizei: Um 17 Uhr geht dieser Anruf ein – und nichts passiert. Trotz nochmaligem Anruf kommt die Polizei erst nach über einer Stunde zum Unfallort. „Wir haben jetzt keinen Streifenwagen, beschweren Sie sich beim Bürgermeister“, bekam Pflegedienst-Leiterin Sabine Haube-David unter der Nummer 110 zu hören. Und es gab den Tipp: „Können Sie sich mit dem Unfallgegner nicht ohne uns einigen?“

Das Erlebnis ist kein Einzelfall. Die Polizeipressestelle bestätigte gestern: „Die Zeiten sind länger geworden. An Wartezeiten muss sich der Bürger gewöhnen.“ 2004 hat es etwa 750 000 Funkwageneinsätze in Berlin gegeben. Unterschieden wird bei den 110-Anrufen in „eilbedürftig“ und „nicht eilbedürftig“. Unfälle ohne Personenschaden sind natürlich „nicht eilbedürftig“. Eine Statistik, wie lange die Wartezeit durchschnittlich ist, führt die Polizei nach eigenen Angaben nicht.

„Diese Statistiken müssen auf den Tisch“, forderte gestern der in der CDU für Polizei zuständige Abgeordnete Peter Trapp. Die CDU will jetzt in einer parlamentarischen Anfrage den Innensenator zwingen, neue Statistiken vorzulegen. Die Sprecherin des Innensenators, Henrike Morgenstern, konnte gestern nur Zahlen von Juli 2002 nennen, nach denen die Polizei in 80 Prozent der Eil-Einsätze innerhalb von zehn Minuten eintreffe. Doch mindestens 70 Prozent der Einsätze sind als „nicht eilbedürftig“ eingestuft: „Im Extremfall kann es eine Stunde dauern, bis wir kommen“, sagte Polizeisprecher Bernhard Schodrowski. Der Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, Eberhard Schönberg, sagte, dass „seit zwei Jahren 60 bis 90 Minuten Wartezeit normal“ seien. Die GdP macht den „eklatanten Personalabbau“ dafür verantwortlich. Seit 2002 wurden 3000 Polizisten abgebaut. CDU-Polizeiexperte Trapp sagte, dass auch die Zahl der Funkstreifen drastisch reduziert wurde.

Laut Trapp fordert die Polizei den Bürger sogar öfter auf, selbst zum Abschnitt zu kommen – um Fahrten zu sparen.

Beschwerden über Wartezeiten gingen selten bei der Polizei ein, sagte Sprecher Schodrowski. Die Wartezeit von einer Stunde beim Unfall am Reichpietschufer hatte eine einfache Begründung, heißt es beim zuständigen Tiergartener Polizeiabschnittes 34: „Wir haben drei Funkstreifen und die waren bei drei anderen Unfällen.“ Letztlich sei eine Streife aus einem anderen Abschnitt geholt worden. Kaum ein Trost: Wäre dem Pflegedienst-Fahrer der Unfall am Sonntag passiert, hätten die Beteiligten noch länger gewartet. Dann sind im Abschnitt 34 nur zwei Streifenwagen im Einsatz.

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