Berlin : Polizei: Kneipenräuber fürchten sich vor dem Osten

Offenbar rechnet die Bande dort mit Gegenwehr Der 22. Überfall war am Sonntagabend in Spandau

Jörn Hasselmann

Der Weihnachtsurlaub ist zu Ende – auch für die Kneipenräuber. Die Bande schlug nach zehntägiger Pause am Sonntagabend erstmals wieder zu, und zwar in Spandau. Um 23.20 stürmten vier maskierte Männer das Ulmenstüb’l, eine klassische Eckkneipe an der Ulmen- Ecke Földerichstraße. Dieser 22. Überfall der Bande lief wieder in Minutenschnelle ab. Das mit schwarzen Wollmasken vermummte Quartett bedrohte den 36-jährigen Wirt und die drei Gäste mit Schusswaffen und Schlagstöcken. Als sich ein 51-jähriger Gast weigerte, sein Geld zu übergeben, schlug ein Täter mit dem Schlagstock zu. Er erlitt eine Platzwunde am Hinterkopf. Die vier in schwarz gekleideten Täter flüchteten mit der gut gefüllten Kasse des Ulmenstüb’l und den ziemlich leeren Geldbörsen der drei Gäste – unerkannt wie in den vorangegangenen 21 Überfällen. Wieso die Täter zehn Tage Pause machten, kann sich Chefermittler Manfred Schmandra nicht erklären: „Wir wissen ohnehin fast nichts.“

Begonnen hatte die Serie am 5. Oktober in einer Kneipe am Reichweindamm in Charlottenburg. Auffallend ist vor allem eines: Die Bande traut sich nicht in den Osten, alle 22 überfallenen Lokale lagen in den West-Bezirken. Schmandra glaubt, dass die Bande den Osten auslässt, weil sie dort mit Widerstand rechnet. Zudem seien die Täter Türken: „Die meiden den Osten doch“, sagte ein Ermittler. Im heimischen West-Berlin kenne man sich aus, dort sei die Flucht leichter.

Auch die Tat am Sonntagabend lief nach dem typischen Muster der Bande ab – „brutal durchgezogen“, wie ein Ermittler sagt: Gegen Mitternacht, wenn nur noch wenige Gäste am Tresen sitzen, stürmen sie in eine Kneipe, bewaffnet mit Schusswaffen, Schlagstöcken und Reizgas. Immer wenn ein Gast oder ein Wirt mit der Geldübergabe zögert, schlagen sie mit dem Schlagstock oder den Schusswaffen zu, um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen. „Wer meint, dazwischengehen zu müssen, kriegt einen auf die Nase“, beschreibt Kriminaloberrat Schmandra das brutale Vorgehen der Masken-Bande. Abgefeuert wurden die Schreckschusswaffen allerdings nur sehr selten, sagt Schmandra, einmal soll sich nach einem Gerangel ein Schuss gelöst haben. Ein Mann gibt die Kommandos, einer stürzt hinter die Theke, um in die Kasse zu greifen, einer sichert vom Eingang aus den Rückzug, der vierte hält mit dem Wortführer die Gäste in Schach und kassiert bei ihnen Geld und Telefone ab. Nach spätestens einer Minute ist der Spuk vorbei, „viel sagen tun die nicht dabei“ – am Sonntag in Spandau nur: „Kopf runter.“

„Kurz vor dem Überfall war es noch knüppeldickevoll“, sagte die Bedienung des „Stüb’l“ gestern. Gegen 22.30 Uhr seien die gut 30 Gäste jedoch auf einen Schlag gegangen, danach saßen nur noch drei Männer vor ihrem Bier. Wegen der Überfallserie habe man im Dezember nachts immer die Tür verschlossen, erzählt Kneipenbesitzer Robert Lehmann. Am Sonntag nicht, „weil ich die Weihnachtsdekoration abgebaut hatte“ – natürlich kamen die Räuber gerade an diesem Tag. „Dabei haben wir uns in Spandau weitab vom Schuss noch sicher gefühlt.“ Wirt Lehmann ließ sich von der Bande nicht einschüchtern. Er rannte nach dem Überfall zum Auto, um die Flüchtenden zu verfolgen, verlor zum großen Bedauern der Ermittler jedoch wertvolle Zeit mit der Suche nach dem Schlüssel. „Die waren weg“, sagte Lehmann.

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