Berlin : Polizei vermutet Brücke-Bilder im Ostblock

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Von Werner Schmidt

Von den Einbrechern ins Brücke-Museum in Dahlem fehlt noch immer jede Spur. 47 Hinweise sind bei der Polizei bisher eingegangen, jedem werde intensiv nachgegangen - bisher erfolglos, sagte Chefermittler Andreas Grabinski vom Landeskriminalamt. Wenige Tage nach dem Diebstahl der neun expressionistischen Gemälde am Morgen des 20. April waren die Bilderrahmen aufgetaucht. Ein Spaziergänger im Schlosspark Charlottenburg hatte sie, wie berichtet, in einer rot-weiß-blauen Einkaufstasche gefunden. Sie schwamm in der Spree. Aber alle Versuche, durch Strömungsberechnungen herauszufinden, wo die Tasche in den Fluss geworfen worden war, scheiterten. „Die Strömung der Spree ist schwer berechenbar“, sagte Grabinski. Zahlreiche Schleusen veränderten ständig Wasserstand und Strömung. Die Schifffahrt verursache zusätzliche Verwirbelungen, an Ästen könne die Tasche hängen geblieben sein - kurz, es war weder möglich, den Ort zu bestimmen, an dem die Rahmen ins Wasser geworfen wurden, noch die Dauer, die sie in der Spree schwammen.

Nicht nur diese Spuren sind verwischt, auch die Einbruchsspuren sind längst getilgt. Die Täter hatten, wie berichtet, eine Scheibe zertrümmert und waren in die Ausstellung eingedrungen. Über eine Signallampe an der Front des Museums stülpten sie einen Karton, die Klingel der Alarmanlage wurde mit Bauschaum erstickt. Die Täter lösten allerdings Alarm aus, als sie die Fensterscheibe einschlugen. Und obwohl die Polizei bereits vier Minuten später eintraf, waren die Einbrecher mit ihrer Beute weg - geflohen über das Grundstück der Residenz des Schwedischen Botschafters an der Pücklerstraße. Von dort flüchteten sie in einem gestohlenen Audi. Den am 17. April am Hohenzollerndamm gestohlenen Wagen ließen sie dreieinhalb Kilometer vom Tatort entfernt an der Schlettstadter Straße stehen – die im Wagen gefundenen Spuren brachten die Ermittler bislang ebenfalls nicht weiter.

Die Kulturverwaltung zog aus den veralteten Sicherungseinrichtungen erste Konsequenzen: Mit Spezialisten vom Landeskriminalamt überprüft sie derzeit die Sicherheit aller städtischen Museen, um ein Konzept für deren Modernisierung zu erstellen.

Die Frage, was die Täter mit den neun Gemälden von Emil Nolde, Ernst Ludwig Kirchner, Max Pechstein und Erich Heckel anfangen könnten, blieb bisher unbeantwortet. Die Bilder sind nicht nur zu bekannt, um sie auf dem freien Kunstmarkt anzubieten, sondern inzwischen auch im Londoner „Art Loss Register“ verzeichnet, in das alle irgendwo auf der Welt gestohlenen, wertvollen Bilder aufgenommen werden, gleichgültig, ob aus öffentlichen oder privaten Beständen.

Kriminalisten spekulieren mittlerweile, dass die Diebe die Bilder im Ostblock veräußern. Kurz nach dem Diebstahl war spekuliert worden, dass sie möglicherweise über einen Mittelsmann einer Versicherung, einen dazwischen geschalteten Rechtsanwalt oder sogar direkt dem Land Berlin zum Rückkauf angeboten werden. „Art-Napping“ nennt sich diese Form des modernen Kunstdiebstahls. Dass die Diebe auf diesem Weg die Expressionisten zu Geld machen wollen, gilt inzwischen als unwahrscheinlich. Denn dann hätten sie nicht vier Wochen verstreichen lassen, denn jeder Tag, den sie warten, erhöht die Gefahr, dass ihnen die Polizei auf die Spur kommt. Außerdem hätten sie dann die Bilder in ihren Rahmen belassen.

In der Regel weigern sich die Versicherungen, auf solche Geschäfte einzugehen. Das fordere nicht nur Nachahmer heraus, sondern werfe den Tätern Geld in den Rachen zu werfen, heißt es offiziell in der Branche. Was inoffiziell nicht bedeuten muss, dass nicht doch lieber ein Bruchteil des Wertes gezahlt wird, um die normalerweise deutlich höhere Versicherungssumme zu sparen und so zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Geld gespart und Kunst wieder da.

Mal abgesehen davon, dass durchaus auch ein besessener Sammler den Einbruch in Auftrag gegeben haben könnte, der sich nun in der Einsamkeit seines Kellers an seinem Besitz freut, gibt es eine weitere Möglichkeit, die Gemälde im Wert von fünf Millionen Euro zu verwerten: Als Pfand bei Unterweltsgeschäften. Besonders bei organisierten Kriminellen wie Rauschgiftdealern ist eine derartige Risikoabdeckung nicht unüblich. Dabei wird die Sore zu einem Bruchteil ihres Werts in Zahlung genommen und im Gegenzug die Ware - Rauschgift, Waffen, Frauen, Zigaretten - geliefert. Bis zur Bezahlung behält der Lieferant dann das Pfand - oder gibt es selbst beim nächsten Deal weiter.

Infomationen im Internet:

www.artloss.com

www.bruecke-museum.de

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