Berlin : Polizei zufrieden: Wir sind kein Feindbild mehr

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Von Jörn Hasselmann

und Werner Schmidt

Die Polizei ist zufrieden mit dem 1.-Mai-Einsatz. „Es ist erstmals allen klar geworden, wer mit der Gewalt begonnen hat“, sagte Polizeioberrat Matzdorf gestern. Nach den vergangenen Maikrawallen sei immer gestritten worden, wer denn nun begonnen habe. Immer sei behauptet worden, die Polizei habe provoziert, „etwas davon ist immer an uns hängen geblieben“. Nun jedoch, nach dem 15. Mai-Krawall, sei allen klar: „Die anderen sind die Bösen. Die Polizei ist kein Feindbild mehr.“

Das Deeskalationskonzept habe sich bewährt. Die beiden Plünderungen des Plus-Supermarktes hatte die Polizeiführung, wie berichtet, schon als „kleine lokale Angelegenheit“ bezeichnet. Für Matzdorf zeigen diese Plünderungen am Abend des 30. April und des 1. Mai aber auch, dass die Täter keinerlei politischen Anspruch mehr hätten. „Den Sixpack aus dem Supermarkt räumen, ist kein Klassenkampf“, sagt Matzdorf, dieser Klassenkämpfermythos sei jetzt wohl „demaskiert“ – und das Revolutionsgerede ebenso.

Das Konzert auf dem Oranienplatz sei zu Ende gegangen, ohne dass sich die Polizei sehen lassen musste. Nachdem allerdings der Supermarkt am Oranienplatz aufgebrochen worden war, habe man eingreifen müssen: „Da sind wir leider berechenbar“, sagte Matzdorf. „Die Plünderung war ein prima Lockmittel.“ Die Täter hätten nichts anderes im Sinn gehabt, als lediglich die Polizei auf den Platz zu holen, um dann Steine auf die Beamten zu werfen. Bei kleineren Provokationen wie brennenden Mülleimern habe die Polizei jedoch Erfolg mit ihrer Zurückhaltung gehabt. „Wir dürfen uns nicht länger auf dieses Katz-und Maus-Spiel der Autonomen einlassen“, fordert der Polizeioberrat, „dann sind wir stärker“.

Und noch etwas verbucht die Polizei auf der Habenseite: Viele Kreuzberger hätten nun die Schnauze voll von der Zerstörung ihres Kiezes, sagte Matzdorf. Wie berichtet, haben die Gewalttäter in diesem Jahr verstärkt Privatwagen von Anwohnern zerstört. So etwa am Michaelkirchplatz in Mitte, nachdem die Polizei die 18-Uhr-Demonstration dort aufgelöst hatte. Systematisch sei bei allen rund um den kleinen Park abgestellten Fahrzeugen die Frontscheibe mit Pflastersteinen zertrümmert worden. Nun setzt die Polizei darauf, dass in Zukunft die Anwohner nicht mehr tatenlos zusehen. Denn in der Vergangenheit war die klammheimliche Sympathie vieler Anwohner mit den Randalierern ein Problem. Diese Sympathie galt aber nur bei Steinen auf Polizeiautos.

Fehlerfrei sei der Einsatz der Polizei natürlich nicht gewesen, gab Matzdorf zu. So habe er aus eigener Anschauung erlebt, wie ruppig und rüde kurz nach Mitternacht das Kottbusser Tor geräumt worden sei. Dabei sei da die Situation in Kreuzberg schon recht ruhig gewesen. Mit Unmut quittierten friedliche Demonstranten mehrfach, dass sie von einer Polizeiabsperrung in die nächste geschickt wurden - und letztlich gar nicht durchkamen. Auch Anwohner wurden nicht durchgelassen: An der Prenzlauer Allee verweigerte die mit Schild und Helm geschützte Polizeikette gegen 19 Uhr selbst einer Rentnerin und zwei kleinen Mädchen den Durchgang. „Eine alte Frau durchzulassen, sollte eigentlich kein Problem sein“, sagte Matzdorf. Jedoch würden Straßen oder Plätze bewusst rigoros gesperrt. „Unserer Klientel steht es nicht immer auf die Stirn geschrieben: Ich schmeiße einen Stein.“

Trotz öffentlicher Beteuerungen: Auf viel Gegenliebe war die Deeskalationsstrategie von Innensenator Ehrhart Körting in der Polizeiführung allerdings nicht gestoßen. Der Senator gab sie dann auch auf, als am Mittwoch kurz nach 19 Uhr am Oranienplatz erneut die Krawalle begannen. Er hielt sich zu diesem Zeitpunkt in der Einsatzzentrale der Polizei auf und sei zunehmend nervöser und aufgeregter geworden, als sich die Gewalt ausbreitete, wurde intern berichtet.

Viel Erholungspause hat die Polizei nicht – am 22. Mai besucht US-Präsident George Bush die Stadt. Matzdorf: „Das, was wir jetzt praktiziert haben, können wir beim Bush-Besuch anwenden.“ Nach Auskunft von Körting wird beim Bush-Besuch allerdings ausreichend Polizei zu sehen sein.

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