Polizeipräsident Glietsch : Stärke zeigen – oder die Hand ausstrecken

Polizeipräsident Dieter Glietsch soll weitere vier Jahre im Amt bleiben. Auch bei der Opposition ist er anerkannt. Er hat die Mai-Krawalle befriedet, die Behörde modernisiert und transparenter gemacht.

Jörn Hasselmann
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Einer von ihnen. Dieter Glietsch inmitten seiner Beamten. Leise, präzise, aber immer hoch effektiv - so führt der Polizeipräsident...Foto: Ullstein

Polizeipräsident Dieter Glietsch macht weiter. Geht also nicht mit 60, also in diesem Jahr, in Pension. Vier weitere Dienstjahre wünscht sich Innensenator Ehrhart Körting (SPD) von seinem Polizeichef – der ebenfalls SPD-Mitglied ist. Als dies in der vergangenen Woche bestätigt wurde gab es keine Kritik, keine Widerworte, selbst die beiden Polizeigewerkschaften verschickten keine Protestfaxe. Das lauteste Lob kam von der CDU: „Mit diesem Polizeipräsidenten kann man mehr als zufrieden sein“, sagte der ansonsten allzeit kritische Abgeordnete Peter Trapp, der auch Vorsitzender des Innenausschusses ist. Körting jubelte: Glietsch sei ein „Glücksgriff für die Stadt“. Die Grünen gehören ebenfalls zu den Fans des Präsidenten, vor allem Fraktionschef Volker Ratzmann lobt den 60-jährigen Glietsch gerne.

Heute wird Glietsch, wie an jedem zweiten Montag, neben seinem Senator im Innenausschuss sitzen und Fragen der Politiker beantworten – immer leise, präzise, sachlich und gut vorbereitet. Die meiste Kritik, die Glietsch von der Opposition in den letzten Jahren einstecken musste, war parteitaktisch motiviert. Und wenn sich mal alle einig waren, wie beim als überzogen eingestuften Einsatz im einst besetzten Haus Brunnenstraße 183, rührte Glietsch das gar nicht. Die 548 Beamten seien alle gerechtfertigt gewesen, sagte Glietsch, hinterher sei man immer schlauer. Punkt.

Stärke zeigen, ist eines seiner Erfolgsgeheimnisse. Während immer das „Konzept der ausgestreckten Hand“ gelobt wird, mit dem Glietsch den Kreuzberger 1. Mai befriedete, gehört die Stärke untrennbar dazu – allerdings ist sie dort erst dann zu sehen, wenn die Randalierer zum Stein greifen. Dann greifen sich spezielle Festnahmetrupps die Täter aus der Menge – und zwar in Massen – bis Ruhe ist.

Mehr als über die Kreuzberger Randale ärgert sich Glietsch über Fußballhooligans – und bestimmte Vereine. Mehrfach mussten in diesem Jahr 1000 Beamte oder mehr Drittligaspiele sichern, weil sich die Fans prügeln. Wasserwerfer und behelmte Hundertschaften vor dem Stadion findet Glietsch überhaupt nicht gut. „Es ist dem Steuerzahler auf Dauer nicht zuzumuten, dass Fußballspiele dieser Art mit derart hohem Aufwand polizeilich begleitet werden müssen.“ Über den Irrsinn, dass bestimmte Drittligaspiele weit mehr Betreuung benötigen als Spiele in der Bundesliga, hat sich der gebürtige Hesse geärgert – so politisch hat er sich in den vergangenen fünf Jahren selten geäußert.

Die beiden Gewerkschaften werfen ihm vor allem vor, sich zu wenig für mehr Polizisten einzusetzen. Doch unter Personalabbau leiden alle in der Stadt – das Lamento findet deshalb kaum Gehör. Vergessen ist auch der Streit zu Glietschs Amtsantritt. Nur sein SPD-Parteibuch habe den Ausschlag gegeben, nörgelten damals viele, die lieber Vizepräsident Gerd Neubeck zum Chef gemacht hätten. Für Glietsch spricht, dass Neubeck die Zurücksetzung geschluckt hat und klaglos weitergemacht hat als Vize. Auch sonst dringt anders als bei seinen Vorgängern wenig Ärger aus dem Präsidium am Platz der Luftbrücke nach draußen.

Strikt hat Glietsch den Verdacht ausgeräumt, bei der Polizei herrsche ein Korpsgeist. Unter der Hand halten manche (Betroffene) die Linie des Präsidenten für zu starr, jedwede Verfehlung eines Beamten, und wenn sie nur auf unbewiesenen Verdächtigungen beruht, sofort als Pressemeldung zu veröffentlichen. So wurden 2006 vier hochrangige Beamte versetzt, weil sie Gratiskarten für Konzerte angenommen haben sollen. Vor Glietsch war alles anders gewesen: Verfehlungen wurden von Hagen Saberschinsky gedeckelt – bis sie durch Indiskretionen doch herauskamen. Dies will Glietsch vermeiden.

2011 wird Glietsch 64, und zwar am 2. Mai. Ein eingespieltes Ritual wird also weitergehen: Innensenator Körting kann seinem Präsidenten bei der traditionellen Pressekonferenz nach dem 1. Mai also weiterhin zu einem gelungenen Einsatz und zuvor zum Geburtstag gratulieren.

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