Berlin : Polizeipsychologin war überfordert: Psychisch labile Ärztin spielte Schicksal

Holger Stark

Das Fernschreiben vor zwei Wochen versetzte die Beamten in Aufregung: Eine Kollegin des Polizeiärztlichen Dienstes werde von ihrer Arbeitsstelle gesucht. Es sei "nicht auszuschließen, dass sie mit Selbsttötungsabsichten" unterwegs sei, die Frau werde am Arbeitsplatz vermisst. Die Arbeitskollegen machten sich Sorgen: Die Gesuchte sei "psychisch belastet". Die Frau ist nicht irgendwer, sondern selbst Psychologin - und beim Polizeiärztlichen Dienst unter anderem zuständig für Gutachten über traumatisierte Bosnier. Ihr Urteil entscheidet, ob die Flüchtinge abgeschoben oder geduldet werden können. Stunden nach der Suchaktion gaben die Beamten Entwarnung: Der Staatsschutz hatte die Psychologin unversehrt in ihrer Wohnung angetroffen. Später erschien die Medizinerin wieder auf ihrer Arbeitsstelle.

Die polizeiliche Suche nach der Ärztin ist der Höhepunkt eines seit Monaten währenden Streits um die Arbeit der Polizeipsychologen mit bosnischen Flüchtlingen. Nach dem Notruf der Kollegen stoppte Innensenator Eckart Werthebach (CDU) die Untersuchungen durch die Polizei und bat die Ärztekammer um Hilfe bei einer neuen Lösung. Experten glauben schon länger, dass die "überforderte Kollegin" aus persönlichen Problemen zu falschen Ergebnissen kam.

Ursprünglich hatten private Ärzte die Flüchtlinge untersucht. Die Ärzte entschieden fast durchweg für die Bosnier. Daraufhin zweifelte die Innenverwaltung die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse an; gegen zwei der Mediziner läuft deswegen ein Ermittlungsverfahren. Seit April 1999 müssen deshalb alle rund 1000 Betroffenen zur Zweituntersuchung antreten - diesmal beim PÄD. Von den 600 bis 700 Fällen, die dort bislang bearbeitet wurden, begutachtete jene Psychologin den Großteil - bis vor zwei Wochen.

Seit Monaten melden die Grünen, die PDS und Ärzte massive Zweifel an der Urteilsfähigkeit des PÄD an. In den vergangenen Wochen spitzte sich die Situation dramatisch zu: Die Frau hatte mehrfach angegeben, verfolgt und bedroht zu werden; von ihrem Computer seien Daten gelöscht worden. Schließlich habe ein Bosnier mit einem Messer auf sie geworfen und sie verletzt. Zwischenzeitlich erschien sie zu Terminen mit Bodyguards.

Mit dem Fall befasste Ärzte gehen inzwischen davon aus, dass die Polizei-Psychologin ihr eigenes Schicksal mit dem der traumatisierten Bosnier vermengt hat. "Fachleuten muss seit einiger Zeit klar gewesen seien, dass da ganz erheblich was nicht stimmt", sagt Sibylle Rothkegel, die stellvertretende Leiterin des Behandlungszentrums für Folteropfer. Rothkegel, selbst Psychologin und Psychotherapeutin, spricht von einer "kranken Kollegin", der geholfen werden müsse. Tatsächlich gibt die Psychologin des Polizeiärztlichen Dienstes einen Zusammenhang zwischen ihrer Kindheit mit ihrer Arbeit zu. "Mein Interesse an dem traumatisierten Personenkreis rührt insbesondere daher, weil ich selbst zu den Opfern des Holocaustes zähle", sagte die Diplom-Psychologin der Polizei etwa im Juni vor Gericht. "Ich bin in Auschwitz geboren und habe deswegen im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit mich auch sehr mit den Folgen von Schwersttraumatisierungen beschäftigt."

Nach Angaben des Behandlungszentrums für Folteropfer hat die 56-Jährige regelmäßig ihren Lebenslauf in die Untersuchungsgespräche eingebracht. In einem Untersuchungsgespräch sollen laut Gedächtnisprotokoll etwa die Worte gefallen sein: "Wir haben doch auch den Krieg überlebt und sind trotzdem hiergeblieben."

Gleichwohl korrigierte die Polizei-Medizinerin in fast allen Fällen die Gutachten und befand, dass die Patienten nicht so traumatisiert seien, dass sie nicht abgeschoben werden könnten. Gegenüber dem Tagesspiegel wollte sich die Frau dazu nicht äußern.

Hunderte Fälle noch offen

Auf die Kritik der Grünen und der PDS hatte der Innensenator noch im Juni geantwortet, es gebe "keine Zweifel an der Kompetenz des eingesetzten Fachpersonals". Nachdem die Gutachten nun gestoppt wurden, hieß es bei der Innenverwaltung, "die Gründe liegen in einer personellen Einzelangelegenheit, über die aus fürsorgerischen Gründen weitere Auskünfte nicht möglich sind, sowie dem Fehlen sonstiger ausreichender personeller Ressourcen."

Die Ärztekammer hat sich inzwischen bereit erklärt, eine Liste von Medizinern zusammenzustellen, die für Gutachten in Frage kommen. Im November soll die Aufstellung komplett sein, bis dahin geschieht in den 500 bis 600 offenen Fällen nichts.

Richter am Verwaltungsgericht, die über Abschiebefälle entscheiden müssen, meinen nun, sogar diejenigen Fälle, in denen Bosnier wegen negativer Gutachten des Polizeiärztlichen Dienstes abgeschoben wurden, müssten wieder aufgerollt werden. 19 Personen, die nach dem Erstgutachten schwer trauamtisiert sind, hat die Ausländerbehörde in diesem Jahr auf Grund negativer Zweitgutachten des PÄD abgeschoben. "Eigentlich", sagt ein Richter, "müsste man diese Personen nun wieder einfliegen und die Fälle von vorne verhandeln."

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