Berlin : Polizisten durch Gift-Graffiti verletzt

Gesundheitsverwaltung warnt davor, sich den gefährlichen Säure-Ätzungen zu nähern

Jörn Hasselmann

Filzstift und Sprühdosen reichen den Graffitischmierern offensichtlich nicht mehr. Sie greifen jetzt zu giftigen Säuren, um ihre Zeichen in Scheiben zu ätzen – und gefährden damit andere Menschen erheblich. Drei Polizisten wurden in dieser Woche verletzt, als sie die Schäden aufnehmen wollten. Polizei und Gesundheitsverwaltung warnen jetzt dringend davor, sich den Ätzungen zu nähern.

Seit Februar verwende die Graffitiszene verstärkt Flusssäure, heißt es bei der Polizei. Betroffen sind vor allem Züge der BVG und der S-Bahn. Gestern teilte die Polizei mit, dass zwei Beamte in Zehlendorf durch das Einatmen der Säure leicht verletzt wurden, als sie eine beschmierte Bushaltestelle an der Ecke Potsdamer Straße / Fischerhüttenstraße absperren wollten. Vermutlich habe der Regen die bereits eingetrocknete Säure wieder aktiviert. Wie berichtet, war am Sonntagabend eine Polizistin in Reinickendorf verletzt worden, die mit der Hand eine in der Wirkung ähnliche Flüssigkeit berührte. Sie konnte die Klinik mittlerweile verlassen. „Die Täter schrecken auch vor Salzsäure oder Schwefelsäure nicht zurück“, sagte Mario Hein von der Graffiti-Sonderkommission.

Die Säure-Serie habe Mitte Februar begonnen, sagte der Kriminaloberrat. Mittlerweile seien über 60 Fälle bekannt, Täter seien noch nicht gefasst. Hein vermutet, dass nur wenige Einzeltäter für die Taten verantwortlich sind, die überwiegend im Südwesten Berlins begangen wurden. „Das sind keine Kindereien mehr“, sagte Hein. Auf „Schwere Gefährdung durch Freisetzen von Gift“ steht mindestens ein Jahr Gefängnis – eine ganz andere Straf-Kategorie als Sachbeschädigung. Die Strafandrohung sollte eigentlich abschrecken.

In der Graffiti-Szene sind diese Säure-Angriffe umstritten; Ruhm und Anerkennung erwirbt man nur durch großflächig gesprühte Bilder, nicht durch pure Zerstörung. Laut dem Graffiti-Experten Hein füllen die Täter verdünnte Flusssäure in handelsübliche Filzstifte, mit denen sie in Sekundenschnelle dann ihre Unterschriftenkürzel („Tags“) auf Glasflächen schmieren. Die Säure ätzt sich dann in das Glas. „Wenn ein Schriftzug noch dampft, „dann Nase weg und Finger weg“, warnte Hein.

Flusssäure ist eine farblose, stechend riechende Flüssigkeit. Sie brennt die Haut regelrecht weg und ist besonders gefährlich, weil sie von der Haut zunächst quasi aufgesogen wird, ohne dass Verletzungen sichtbar und Schmerzen spürbar sind. Das Fleisch darunter aber wird bis auf den Knochen verätzt. In höherer Dosierung ist die Säure tödlich.

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