Berlin : Pommes und Paragrafen

Anwälte berieten am Breitscheidplatz – zahlen musste man nur für die Bratwurst

Thomas Loy

Rechtsberatung an der Imbissbude, für lau. Skatblatt, Eiskratzer, Jutetaschen plus jede Menge Werbekulis zum Abgreifen, nur die Rostbratwurst kostet extra. Der Berliner Anwaltsverein weiß, wie man Hauptstädter anspricht. 20 Advokaten stehen an Tischen, die eigentlich dem Pommesverzehr vorbehalten sind. Es ist „Rechtsmarkt“ auf dem Breitscheidplatz, eine eintägige Aktion, die „Schwellenängste“ abbauen soll. „Scheinbar alltägliche Geschäfte“, so der Chef des Anwaltsvereins Ulrich Schellenberg, „bedürfen der anwaltlichen Beratung.“

Dominik Kellner, ein junger zugezogener Advokat aus München, ist unsicher, wie er dem typischen Hauptstadtbewohner die Rechtslage nahebringen soll. Ein Mann im offenen Hemd, um die 60, möchte wissen, wie er vermeidet, dass seine Mutter ihr Vermögen, also sein Erbe, für die Pflegekosten aufzehren muss. „Vielleicht schenkt sie mir das Vermögen einfach.“ Kellner ist skeptisch, ob das Sozialamt da mitzieht. Der Mann sagt: „Der Staat hat mich ja auch betrogen.“ Kellner möchte den Staat jetzt verteidigen, sagt aber lieber doch nichts. Vorhin kam jemand zu ihm und erklärte, er sei von einem Arzt absichtlich falsch behandelt worden. „Das hört man sich halt an.“

Anwalt Hendrik Stula wird über alle Details einer gescheiterten Existenz unterrichtet. Es geht um eine gestorbene Oma, eine Enkelin ohne Schulabschluss, deren drogenabhängigen Freund, die Krankheit Mutismus, einen Vergewaltigungsprozess… Stula versucht es mit Pädagogik: „Versuchen Sie mal, eine Frage zu formulieren.“ Ralph Mayer, Anwalt für Strafrecht, ist dagegen weit unter seinen Möglichkeiten gefordert. Einer Stromtarifwechslerin, deren neuer Anbieter sie anschlusslos hängen lässt, spricht er Mut zu.

Horst Weigert, Spezialist für Verkehrsrecht aus Frohnau und 79, weiß um die Not jüngerer Kollegen. „Vor 30 Jahren gab es in West-Berlin 1800 Anwälte. Heute sind es 13 000.“ Eine förmliche Rechtsberatung kostet rund 150 Euro. Thomas Loy

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben