Berlin : Pomp, Prunk und Sozialismus

So schön wie in Madrid oder Paris sollten Empfänge in Berlin schon zu DDR-Zeiten werden. Erich Honecker fand Gefallen an der Idee, das Stadtschloss wieder aufzubauen

Lothar Heinke

Wollte Erich Honecker das Schloss? Stände vielleicht schon längst die Fassade vor dem Palast der Republik, wenn die DDR nicht vor 14 Jahren abhanden gekommen wäre? Zwei Beispiele belegen, dass die SED-Führung mit dem Projekt Schloss-Palast liebäugelte. Denn jedesmal, wenn der Staatsratsvorsitzende in Paris, Rom oder Madrid Prunk und Pomp genoss, wurde ihm klar, wie spartanisch die DDR-Hauptstadt ihre Staatsgäste empfing.

„So und nur noch besser“ ist der Titel eines Buches, in dem Eberhard Fensch beschreibt, „wie Honecker das Fernsehen wollte“. Fensch war 21 Jahre lang stellvertretender Leiter der Abteilung Agitation im ZK der SED, zuständig für Rundfunk und TV. In dieser Eigenschaft führte er dem Politbüro jene Dokumentarfilme vor, die bei Honeckers Auslandsreisen gedreht und dann den Gastgebern geschenkt wurden. Im kleinen Kinosaal des ZK am Werderschen Markt (dem heutigen Außenministerium) sitzen an einem Abend Ende 1988 neben Honecker die Sekretäre für Kultur (Kurt Hager), Wirtschaft (Günter Mittag), Außenpolitik (Hermann Axen) und Propaganda (Joachim Herrmann). Die Herren murmeln beifällig, wenn zum Beispiel in dem Streifen über Honeckers Spanien-Reise im Oktober 1988 eine Reiter-Eskorte in prunkvollen Uniformen Honeckers Gefährt zum Königspalast begleitet und wenn der König ihn vor dem Portal des Palastes in pompöser Umgebung begrüßt. Am Ende meint Honecker bedauernd, „auch in Paris habe man Sinn für staatliche Repräsentation, weil das den Patriotismus fördere. Leider sei die DDR bislang nicht in der Lage, etwas Gleichwertiges aufzubieten. Der Empfang auf dem Flugplatz Schönefeld oder vor dem Staatsratsgebäude durch eine Ehrenformation der NVA sei doch nahezu armselig. Es sei höchst bedauerlich, dass es das Berliner Schloss nicht mehr gebe“, hört Fensch mit Verwunderung. Hätte man es noch, könnte man nämlich Staatsbesuchern eine ähnliche Zeremonie wie in Madrid und Paris bieten. Er, Honecker, ärgere sich sehr, dass Walter Ulbricht das kriegsbeschädigte Schloss damals habe sprengen lassen. „Das sei ein Fehler gewesen, den er ihm nur schwer verzeihen könne“. Danach meldet sich Mittag zu Wort „und erklärt allen Ernstes: Man könne es ja wieder aufbauen“. Kurt Hager „wagt den Einwand, ob denn eine solche Investition für die DDR überhaupt bezahlbar sei“. Honecker legt sich nicht fest, sagt nur: Man müsse auf jeden Fall ernsthaft darüber nachdenken.

Gelegenheit dazu hatte der SED-Chef schon früher. Am 25. Januar 1987 sitzt der Arzt Dr. Joachim Müller in seiner Wohnung in der Palisadenstraße an der Schreibmaschine und tippt einen Brief an den Genossen Erich Honecker. „Betr.: Eingabe mit Vorschlag zum teilweisen Wiederaufbau des kriegszerstörten Berliner Stadtschlosses an ursprünglicher Stelle zu einem einheitlichen Baukomplex Palast der Republik-Stadtschloß und seiner gesellschaftlichen Nutzung als neuer repräsentativer Sitz des Staatsrates der DDR“. Joachim Müller war 1980 aus Thüringen nach Berlin gekommen. Ihn interessierte die Geschichte des historischen Zentrums; der Wiederaufbau von Nikolaiviertel und Gendarmenmarkt ermutigten den Arzt zu seiner Eingabe, der noch eine Lageskizze der beiden Baukomplexe beilag. Müller schreibt, dass eine teilweise Wiedererrichtung „die historisch gewachsene Silhouette der Stadt wiederherstellen und ein gewiss krönender abschließender Höhepunkt ihres Wiederaufbaues sein würde“. Da der Palast der Republik allen Bürgern unverzichtbar sei, „ergibt sich somit die einzig verbleibende, möglicherweise neues kühnes Denken erfordernde Variante, das Stadtschloß mit dem kompletten Schloßfreiheitflügel und in ihrer Länge reduzierten Schloßplatz- und Lustgartenflügel wiederzuerrichten und mit dem Palast zu einem Baukomplex zu verbinden.“ Und listig schlägt Müller vor, die Schlosskuppel solle „statt des kaiserlichen Kreuzes die Fahne unseres sozialistischen Vaterlandes tragen“. Heute sagt der Arzt dazu, dass das eventuelle Verlangen nach einem Palast-Abriss oder nach einem christlich-königlichen Kreuz auf der Schlosskuppel seinerzeit völlig absurd gewesen wäre.

Der Schloss-Freund macht sich schließlich auch noch Gedanken um die Finanzierung: Man könne zu Spenden aufrufen, Briefmarkenserien und eine Schlosslotterie auflegen und nach zehn Jahren Planung anno 1997 mit dem Bau beginnen. „Im 750. Gründungsjahr Berlins wäre der Entschluss unserer Partei- und Staatsführung zum Teilwiederaufbau des Berliner Stadtschlosses, um dessen großherzige Initiative und wohlwollende Unterstützung ich Sie, Genosse Honecker, hiermit sehr bitte, gewiss ein Jubiläumsgeschenk von außerordentlichem kulturellen Rang und hoher internationaler Ausstrahlungskraft“.

Honecker liest den Brief am 17. Februar 1987 und schreibt über den Kopf: „Gen. G. Mittag – Jemand beauftragen, um mit dem Schreiber zu sprechen.“ Im neuesten „Extrablatt“ zum Schloss-Aufbau berichtet Müller, wie es weiterging: Er wurde ins ZK geladen und sprach 45 Minuten in der Abteilung Bauwesen über seinen Vorschlag. Man hörte freundlich zu und sagte, unter einer Regierung Honecker wäre die Kriegsruine des Schlosses nicht abgerissen, sondern ihre Substanz gesichert und für einen späteren Wiederaufbau erhalten worden. Momentan sei kein Geld da, aber der Vorschlag sei interessant und weiterer Beachtung wert. Heute, 17 Jahre später, erhofft sich Joachim Müller den kompletten Wiederaufbau des Schlosses – „als ein sichtbares Zeichen der aus Ruinen wiedererstehenden Kulturnation Deutschland“.

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