Berlin : „Pornoschatten“ auf dem Berlinale-Bären

Was türkische Blätter über Sibel Kekilli schreiben

Suzan Gülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

Zuerst feierte die Hürriyet Regisseur Fatih Akin als „türkischen Tarantino“ – und dann fielen doch „Pornoschatten“ seiner Hauptdarstellerin Sibel Kekilli auf den Preis, über den sich die Zeitungen so gefreut hatten. „Nach 40 Jahren wieder ein Goldener Bär für türkischen Film“, hatte die national-religiöse Tageszeitung Türkiye geschrieben und auch ein Filmplakat von dem türkischen Beitrag „Trockener Sommer“ des Regisseurs Ismail Metin gezeigt, der bereits 1964 den Goldenen Bären bekommen hatte.

Aber keine Sorge. Den „Schock nach dem Goldenen Bären“ (Hürriyet), den der türkischstämmige Hamburger Fatih Akin für den deutschen Beitrag „Gegen die Wand“ bekommen hat, haben die Zeitungen gut verarbeitet. Weder der Regisseur noch seine Hauptdarstellerin Sibel Kekilli fielen in Ungnade. Im Gegenteil. Am Freitag meldete sich der türkische Kultur- und Tourismusminister Ugur Mumcu in der Hürriyet zu Wort, die das Thema am gründlichsten ausgeschlachtet hatte: „Ein Politiker kann zur Verantwortung gezogen werden, aber den Erfolg eines Künstlers berühren solche Fehler seiner Vergangenheit nicht.“ Der Hürriyet-Kolumnist Dogan Hizlan kommentierte: „Beim Thema Sibel denke ich wie Mumcu. Ich gehe sogar noch weiter. Wenn ein Politiker weder sein Land verrät, noch seinen Einfluss ausnutzt, wenn er nicht klaut, sollte er wegen Herzensangelegenheiten nicht belangt werden können.“

Sogar die Türkiye blieb sachlich: „Was zählt, ist der Preis“, zitierte die Zeitung Berlinale-Chef Dieter Kosslick. Dazu zeigte das Blatt eine Aufnahme, auf der Fatih Akin den Goldenen Bären küsst. Daneben erschien eine Meldung, in der die Türkiye die Bild zitierte: „Familie verstößt Sibel.“ Dazu muss man wissen, dass in in türkischen Blättern in der Regel keine Nackt-Aufnahmen von türkischen Stars erscheinen. Aber in der vergangenen Woche konnten die Leser fast täglich die Brustwarzen von Sibel Kekilli auf den Titelseiten der Hürriyet und Milliyet sehen. Viele Türken sind tief religiöse Menschen, die ihre Köpfe zur Seite drehen, wenn im deutschen Fernsehen eine Kussszene kommt. Vor dem Hintergrund hat Sibel Kekilli eine kleine sexuelle Revolution verursacht.

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