Porträt : Der lange Atem des Thomas Kleineidam

Der SPD-Abgeordnete Thomas Kleineidam hatte Lungenkrebs. Jetzt stellt er sich wieder dem Wahlkampf.

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Thomas Kleineidam ist in der Nach zum Sonnabend gestorben.
Thomas Kleineidam ist in der Nach zum Sonnabend gestorben.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die größte Herausforderung für Thomas Kleineidam sind heute die Treppen im Abgeordnetenhaus. Wenn der Atem flacher wird, das Atmen schwererfällt, begleitet ihn die Krankheit wieder. Stufe für Stufe. Kleineidam, Jeans, dunkles Sakko, Krawatte, steht auf einem Plateau im ersten Stock und blickt über das Foyer, das in seiner Weitläufigkeit, mit den dunklen Teppichen auf weißem Stein, eher an den Eingangsbereich eines Schauspielhauses erinnert. Und den Besucher so schon einmal darauf vorbereitet, dass hier, im ehemaligen Preußischen Landtag, nicht selten absurdes Theater geboten wird, wenn zur aktuellen Stunde die Debatten brennen. Thomas Kleineidam kennt diese Bühne genau. Oft genug stand er selbst am Pult, das vertikale Berlin-Banner im Rücken. Seit 1999 sitzt der innenpolitische Sprecher der SPD ununterbrochen im Abgeordnetenhaus. Dreimal konnte er seinen Wahlkreis in Spandau direkt gewinnen. Er ist ein festes Mitglied des Ensembles. Und doch ist es gar nicht so lange her, dass Kleineidams Name auf den Rednerlisten fehlte, sein Platz verlassen blieb. Weil aus dem Politiker ein Patient geworden war.

Einen Lungenlappen haben ihm die Ärzte entfernen müssen. Ein Achtel der Lunge. Dazu eine Metastase im Kleinhirn. Ein halbes Jahr ist das jetzt her.

Es ist ein Sonntag im Urban-Krankenhaus in Kreuzberg. Thomas Kleineidam wird seit einer Woche von Kopfschmerzen begleitet, ihm ist schwindlig. Aber Migräne, jetzt, mit Anfang 50, das kann er sich kaum vorstellen. Er schläft schlecht, hat abgenommen. Am Morgen nach einer Nacht, die auch mit geöffneten Augen schwarz geblieben war, in der Kleineidam das Bett nicht mehr spürte, das Gefühl hatte zu schweben, ruft er seine Schwester an, Ärztin im Urban, um sich dort untersuchen zu lassen. Blutabnahmen, Computertomographie. Der Schrecken schwimmt im Kielwasser der Routine.

Die Diagnose erhält er von seiner Frau, in einem Vorraum des CT, mehr schmaler Flur als Krankenzimmer: Lungenkrebs. Und während sich das Schweigen ausdehnt, das dem Unsagbaren folgt, muss Kleineidam, damals 52 Jahre alt,unwillkürlich, an den 20. Juni 1986 denken, den Tag, an dem sein Vater gestorben ist. Mit 52 Jahren. An Krebs.

„Das kam mir sofort in den Sinn“, sagt er heute. „Und natürlich auch die Frage, werde ich älter als mein Vater?“ Sie geht ihm immer wieder durch den Kopf. Auch, weil seine Frau zu diesem Zeitpunkt schwanger ist. Und Thomas Kleineidam bereits vor der Diagnose, die Anamnese des eigenen Vaters im Hinterkopf, lange überlegt hatte, ob er sich noch einmal dem Abenteuer Familie stellen, mit über 50 erneut Vater werden sollte.

Die Gleichzeitigkeit aus beginnendem Leben und der Möglichkeit des eigenen Todes wird in den folgenden Monaten jedoch zum Katalysator seiner Genesung. Vor allem an den schlechten Tagen, an denen die Chemotherapie an Körper und Geist nagt. „Es gab Momente, in denen ich gedacht habe, dass mir das alles zu viel wird“, erinnert er sich. „Aber der eigene Tod bekommt etwas Natürlicheres, wenn man gleichzeitig eine Geburt erlebt. Mir hat das geholfen.“

Die Aussicht, bei optimalem Heilungsverlauf, seine Arbeit wieder aufnehmen zu können, gibt ihm zusätzlich Kraft. „Ich wollte die Behandlung hinter mich bringen und war optimistisch, dass ich eine Perspektive nach der Krankheit habe, zu der eben auch die Rückkehr in die Politik gehörte.“

Vorher aber verlässt er die politische Bühne durch die Hintertür, leise, abrupt. Bereits einige Tage nach der Diagnose wird er operiert, am Kopf, an der Lunge, und verschwindet hinter einem Vorhang der eigenen Ungewissheit. Nur wenige Genossen in der SPD-Fraktion werden über seinen Zustand informiert. Thomas Kleineidam entscheidet sich bewusst, der Krankheit erst einmal alleine zu begegnen. „Es hat vier bis sechs Wochen gedauert, bis ich damit offen umgehen konnte“, sagt er heute.

Doch auch danach sind das Abgeordnetenhaus und die Fraktion weit weg. Thomas Kleineidam beginnt die Chemotherapie. Alles andere gerät zur Nebensache. Es ist für ihn, nach Jahren unter Strom, auch eine Rückbesinnung auf sich selbst. Der langjährige Anwalt und Familienvater findet sich plötzlich in einer Situation wieder, die ihm zuvor völlig fremd war. „Ich war immer in der Helferrolle und plötzlich war ich der, der Hilfe von anderen brauchte“, erzählt er, und man spürt, dass es ihn einige Überwindung gekostet hat, diese Rolle anzunehmen. Erleichtert wird dieser Kontrollverlust jedoch durch den positiven Verlauf der Behandlung. Die Operation ist erfolgreich, die Therapie schlägt an.

Heute ist Thomas Kleineidam gesund. „Ich bin das Zeug erst einmal los“, sagt er, überlegt kurz, um dann noch das kleine Aber hinterherzuschieben, das geblieben ist: „Solange bei einer der Kontrolluntersuchungen nicht etwas Neues gefunden wird.“ Bislang haben sich allerdings keine weiteren Metastasen gebildet. Seit einigen Wochen ist Kleineidam deshalb wieder Teil des Ensembles im Abgeordnetenhaus. Er ist etwas dünner als früher, die Erinnerung an die Krankheit trägt er noch als sanfte Schatten unter den Wangenknochen. Die Energie aber, mit der er auf dem Podium die Angriffe der Opposition pariert, ist geblieben. Angst, dass die Anstrengungen der vergangenen Monate seine Arbeit negativ beeinflussen könnten, hat er ohnehin nicht: „Körperlich habe ich noch einige Einschränkungen, aber es gibt nichts, das mein politisches Handeln beeinträchtigt.“ Den neuen politischen Herausforderungen, vor allem dem kommenden Wahlkampf, in dem es auch um seinen Platz im Abgeordnetenhaus geht, sieht Kleineidam mit einem ausgeprägten Ruhepuls entgegen. „Ich glaube nicht, dass ich Dingen begegne, denen ich körperlich nicht mehr gewachsen bin“, sagt er. Denn eigentlich fühle er sich fit. Nur das richtige Atmen muss Thomas Kleineidam wieder lernen.

Dafür geht er dreimal in der Woche spazieren. In Spandau am Kiesteich. Meist 45 Minuten lang, in denen er, Gothic-Rock im Gehörgang, wie von der Krankengymnastin empfohlen, konzentriert in den rechten Lungenflügel atmet, aber auch seine Gedanken ordnet. Die Spaziergänge, denen auch immer etwas Meditatives anhaftet, sind zudem Spiegel einer neuen Gelassenheit, die vielleicht eines der wichtigsten Souvenirs aus der Zeit mit der Krankheit ist. „Mein Blick für wesentliche Dinge ist gestärkt worden“, ist sich Kleineidam sicher. Während ihn in der Vergangenheit ein verbissener Eifer durch die Debatten getrieben hat, gibt es heute wenig, das ihn im Theater des Abgeordnetenhauses aus dem Tritt bringen kann. Allenfalls noch die Treppen. Stufe für Stufe.

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