Porträt einer Berliner Sammlerin : Das Glück in Stücken

Der Dichter Gottfried Benn war ein notorischer Frauensammler, als Ursula Ziebarth ihn traf. Sie ließ sich nicht sammeln, sondern sammelte selbst – und lebt heute, mit 95, in ihrer eigenen, übervollen Welt. Unser Blendle-Tipp.

Johannes Laubmeier
Ursula Ziebarth, 95, inmitten ihrer übervollen Welt.
Ursula Ziebarth, 95, inmitten ihrer übervollen Welt.Foto: Mike Wolff

Am 5. August 1954, einem Donnerstag, ruft eine junge Frau in Berlin an. Am anderen Ende der Leitung, Telefonnummer 71 20 97, hebt ein 68-jähriger Herr den Hörer ab. Eigentlich will sie ihn nur für eine Veranstaltung nach Bremen holen, aber er fragt sie: „Essen Sie gerne Eis?“ und lädt sie nach Berlin ein.

Sie isst gerne Eis, und die beiden treffen sich am Tag darauf im Restaurant „Fournes“ am Innsbrucker Platz. Es gibt Champignontoast, dann Eis. Am selben Tag schickt er ihr einen Strauß rosa Nelken und bedankt sich für die Zeit mit ihr. „Ich hoffe sehr, Sie wiederzusehen“, schließt er den kurzen Brief, den er beilegt, und unterschreibt als „Ihr sehr ergebener Benn“.

Von da an schreiben sich die junge Frau und Gottfried Benn fast täglich. Aus „sehr ergebener Benn“ wird „Dein G.“ und schließlich „Dein Pummi“. Aus „Fräulein Ziebarth“ wird „Urselchen“. Zwei Jahre dauert die Beziehung. Sie zieht aus Worpswede nach Berlin, wo Benn als Arzt arbeitet, Haut- und Geschlechtskrankheiten. Sie begleitet ihn zu Lesungen in ganz Deutschland, die beiden gehen oft spazieren.

Als Benn 1956 stirbt, trauert die junge Frau in einer der hinteren Reihen. Benn war verheiratet gewesen.

Sieben Zeilen lang ist ihr Wiki-Eintrag, vier davon haben mit Benn zu tun

Und das soll jetzt die Geschichte sein? Der Dichter und die junge Frau, die er „Ponny“ nennt, seinen „liebsten Menschen“, eine Liebestragödie in Briefen?

Auf dem Weg zu einem ersten Treffen mit Ursula Ziebarth noch mal schnell rekapituliert, was man über sie weiß. Geliebte Gottfried Benns, 2003 hat sie seine Briefe als Buch veröffentlicht. Ihr Wikipedia-Eintrag besteht aus sieben Zeilen, vier davon haben mit Benn zu tun. Es wäre leicht, sie auf ihre Zeit als Muse des berühmten Dichters und notorischen Frauensammlers, als junge Frau im Schatten eines großen Mannes zu reduzieren – als eine von vielen.

Das hier ist nicht diese Geschichte.

Ursula Ziebarth liegt auf einem Diwan an der Stirnseite ihres kleinen Wohnzimmers, eine Hand hinter dem Kopf, mit der anderen stützt sie sich ab, antike Kaiserpose auf orangefarbenem Polster. Ihre hüftlangen schwarzen Haare, nur graumeliert bisher trotz ihres Alters, hat sie notdürftig zum Zopf gebändigt, um ihren Hals hängt eine Kette mit einem handtellergroßen, edelsteinbesetzten Goldanhänger. Sie trägt eine Jacke mit Landkarten-Print, an ihren Füßen gelbe Socken aus dicker Wolle.

Noch immer hat sie die Aufmüpfigkeit, die der Dichter an ihr schätzte

Ihr Gesicht hat selbst mit 95 Jahren noch dieselbe Aufmüpfigkeit, die Benn an ihr mochte, damals, als ihre Haare noch dunkler und kürzer waren und sie mit ihm sprach „wie mit einem Dorfjungen, der zum Militär eingezogen wird“. Ihr „rabaukiges“ Wesen hatte es dem 35 Jahre Älteren angetan, es zeigte ihm, wie sehr die Natur sie ausgestattet habe, „sich selbst als Maß aller Dinge zu betrachten“, wie er schrieb. Auf Benn hatte das eine „beruhigende“ Wirkung.

Hinter Ziebarth hängen Lithografien und Zeichnungen, von Picasso, von Dix, von anderen. Die übrigen Wände des kleinen Wohnzimmers verschwinden hinter deckenhohen Regalen voller Bücher. Um das Sofa herum drängen sich, in mehreren Reihen, mit bunten Perlen besetzte Statuen aus Kamerun: eine Mutter, die ihre Kinder stillt, ein Krokodil, eine Frau, die eine Schale auf dem Kopf balanciert. Davor das Horn eines Narwals und ein fein ziselierter Elefantenstoßzahn aus der Zeit, als der Handel mit Elfenbein noch nicht verboten war. Ursula Ziebarth, das wird schnell klar, ist keine, die man sammelt. Sie sammelt selbst.

Auf einem kleinen Tisch vor dem Diwan stehen ihre Memoiren, sauber gestapelt im roten Einband, zehn Bände. Am elften schreibt sie gerade.

Dann fragen Sie mal, sagt die alte Dame und grinst.

Neugierig auf den Rest? Der Text erscheint am 8. April 2017 im Tagesspiegel-Samstagsmagazin Mehr Berlin. Nachzulesen ist er auch im Online-Kiosk Blendle.

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