Portrait : Die eindringliche Stimme

Die Dortmunderin Petra Zimmermann ist Dompredigerin. Keine normale, eher eine öffentliche Pfarrstelle.

Christian van Lessen

BerlinAls Dortmunder Touristin lernt sie den Berliner Dom kennen, ist vom Inneren der Kirche sofort fasziniert, von dem großen, hohen Raum unter der Kuppel, der Atmosphäre. Den Gottesdienst erlebt sie beim nächsten Besuch als „große liturgische Feier mit wunderbarer Musik“.

Da ist Petra Zimmermann noch Pfarrerin von St. Reinoldi, der großen Stadtkirche im Zentrum Dortmunds. Die, findet sie, sei von ihrer Lage her dem Berliner Gotteshaus ähnlich. Sie bewirbt sich in Berlin auf eine „reizvolle Stelle“ und bekommt sie: Dompredigerin. Das Äußere des Bauwerks findet sie anfangs „schwierig“, aber das gibt sich. Im Inneren fühlt sie sich „unglaublich vom Raum getragen“, seit sie erstmals im April 2006 auf der Kanzel stand. Sie spricht von einem Ort, der für die Menschen leicht zugänglich und zu verstehen ist, so unterschiedlich sie auch sein mögen. Die „sinnliche Erfahrung“ des Gottesdienstes fördert die Bindung an das Haus. Sie mag die klassische Form des Dom. Sie und ihr Predigerkollege Friedrich-Wilhelm Hünerbein sind froh, dass die Gottesdienste nicht nur an Festtagen sehr gut besucht sind. „Wir laden gern gute Prediger ein“, sagt Petra Zimmermann bescheiden, als ob der Dom das nötig hätte. Sie hat eine warmherzige, offene, gewinnende Art, sie predigt fast nur im Dom, betreut Konfirmanden, bereitet Taufen und Trauungen vor, wie es jeder Pfarrer in jeder Kirche tut. Aber die Dompredigerin steht mehr in der Öffentlichkeit, repräsentiert das Gotteshaus, steht beispielsweise oft im Kontakt mit dem Bundespresseamt, wenn etwa ein Staatstrauer-Gottesdienst vorbereitet wird. Eine solche Kirche, meint sie, steht zurecht mitten in der Stadt, gehört in die exponierte Lage, als geistliches Zentrum. Das gelte auch für die Marienkirche in nächster Nachbarschaft, die Bischofskirche. Doch der Landesbischof und Ratsvorsitzende der EKG predigt gern auch im Berliner Dom. „Unser Horizont ist größer als unsere Gemeinde“, sagt die Pfarrerin. Gut gebildete Leute zwischen 20 und 40 Jahren, hat sie festgestellt, sind verstärkt an Religion, an geistlichen Fragen interessiert. Berlin, eine Stadt der Atheisten? „Wer im Dom arbeitet, hat nicht den Eindruck, dass dies eine säkularisierte Stadt ist.“ Sie glaubt, dass der Berliner Dom eine wichtigere Rolle in der evangelischen Kirche spielen müsste, als „zentraler Ort der Kirche“, ähnlich definiert wie der Kölner Dom der Katholiken. Dem, sagt sie, habe man noch wenig entgegenzusetzen.

Petra Zimmermann hat an der Uni in Hamburg gearbeitet, unterrichtete im Institut für Praktische Theologie, beschäftigte sich mit der Arbeit von City-Kirchen. Zuvor hatte sie in Hannover die religiöse Einstellung in Ost- und Westdeutschland erforscht. Bis sie 2002 nach Dortmund ging, in ihre Heimatstadt.

Als sie nach Berlin zieht, will sie wissen, was diese Stadt ausmacht. Sie spürt schnell, dass der volle Dom, über den sie sich so freut, nicht beispielhaft ist. Petra Zimmermann sucht bewusst eine Wohnung im Ostteil. In Charlottenburg leben und in Mitte predigen, scheint ihr irgendwie unpassend. „Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas verstehen muss vom mir bis dahin fremden Osten.“ Sie zieht schließlich nach Friedrichshain. Sie versteht nicht, aber sie akzeptiert, dass die Kirche es schwer hat in Berlin. Dass aber die eigene Gemeinde eine von denen ist, die am stärksten in Berlin wachsen – das freut sie doch.

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