POSITION : Ein Rückbau, der ein Rückfall ist

07.10.2012 00:00 Uhrvon
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Das unfertige Kulturforum nicht zubauen, sondern als Stadtlandschaft vollenden.

Hans Stimmann reitet der Furor antimodernicus. Einen der „schlimmsten Unorte in Berlin“ nennt er das Kulturforum. Und rechtfertigt mit dieser Übertreibung den Angriff auf einen der bedeutendsten Orte der Architektur und des Städtebaus der klassischen Moderne. Die abstrakten Großskulpturen der modernen Architektur, Philharmonie, Staatsbibliothek und Nationalgalerie, sollen ihrer Freiheit beraubt werden, mit großen steinernen Quadern umbaut, eingepackt wie Großgeräte in Styropor. Der präsentierte Entwurf zeigt den Rückbau des Kulturforums in ein Gründerzeitquartier des 19. Jahrhunderts. In unkritischer Rekonstruktion werden alle Freiflächen mit Wohn- und Büroblöcken in Reih und Glied, Flucht und Traufe dicht bebaut und die „Matthäikirche wieder in den Mittelpunkt gerückt“.

Als störende Fremdkörper verschwinden Kulturbauten von Weltrang hinter Mauern. Von Scharouns „Stadtlandschaft“ bleibt Straßenbegleitgrün.

Das Kulturforum, historisches Zeugnis des künstlerischen Freiheits- und Überlebenswillens in einem totalitären Jahrhundert, soll nach den Plänen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Museen und Sammlungen zum Forum der Moderne des 20. Jahrhunderts fortentwickelt werden. Das gilt für Bauten und Stadtgestalt gleichermaßen. Wo können die künstlerischen Exponate der Moderne besser und anschaulicher präsentiert werden als in den einzigartigen Exponaten der Architektur und des Stadtraums des 20. Jahrhunderts?

Als Ende der Fünfzigerjahre die Idee eines modernen Kulturforums als Gegenüber zu Museumsinsel, Staatsbibliothek und Staatsoper Unter den Linden entstand, sollte sie, im Schatten der Mauer errichtet, hinüberwirken als ein Forum freiheitlich-demokratischer Kultur des Westens. Scharouns Idee einer „Stadtlandschaft“ – architektonische Großskulpturen als frei komponierte Einzelmonumente im offenen Landschaftsraum – reagierte auf steinerne Monumentalität und diktatorische Achsen. Stadt- und Landschaftsgestaltung in abstrakten Raumkompositionen suchte wie die abstrakte Kunst jener Zeit die geistige und sinnliche Befreiung aus den Zwängen der Vergangenheit und drohender Gegenwart. Scharoun und Mies van der Rohe, beide bereits Wegbereiter moderner Architektur in den Zwanzigerjahren, der eine in klassischer Rationalität, der andere in freien Formen, sie mussten in den Dreißigern in die innere oder äußere Emigration. Das Kulturforum bot die Chance, ihre Ideen exemplarisch zu verwirklichen. So entstanden mit Philharmonie und Neuer Nationalgalerie – ein Glücksfall für die geteilte Stadt des Kalten Krieges – zwei Archetypen der Moderne von Weltrang.

In Berlins historischer Mitte wurde die Museumsinsel Ende der Neunzigerjahre zum Weltkulturerbe. Anfänglichen Bestrebungen, Stülers Neues Museum modernistisch gegen den Strich zu bürsten, konnte begegnet werden. Chipperfields Neubau der James Simon Galerie respektiert die „Freistätte für Kunst und Wissenschaft“ und ihre Baugeschichte. Verdient das Kulturforum als modernes Denkmalensemble und künftiges Weltkulturerbe weniger Achtung? Wie die Museums- und Schlossinsel ist das Kulturforum eine „Freistätte“. Es ist ein sonntäglicher Bezirk, der aus den Geschäften des Alltags herausgehoben ist. Er darf nicht zur Vermarktung freigegeben werden.

Der drängende Wiederaufbau der historischen Mitte und deren Kulturbauten ließ das Kulturforum ins Hintertreffen geraten. So ist es bis heute ein unfertiger, unvollendeter Ort, zerschnitten durch eine überbreite Autoschneise, die Bauwerke großer Meister umgeben von Blech, wucherndem Gras und Buschwerk. Die aktuell aufgeflammte Grundsatzdebatte zur Gestaltung der Museumsstadt Berlin, ausgelöst durch das Angebot der Schenkung einer wertvollen zeitgenössischen Sammlung, bietet Chancen auch für neue Ideen zur Weiterentwicklung des Kulturforums als „Stadtlandschaft“: eine Freistätte aus herausragenden Einzelmonumenten in einem verführerischen Park, gestaltet als Lustgarten der Moderne.

Florian Mausbach war als Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung 1995 bis 2009 verantwortlich für die Kulturbauten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz

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