POSITION : Helm auf zum Protest

Straßenbaustellen sind Marter. Warum wir am Valentinstag dagegen demonstrieren sollten.

Rumen Milkow
Foto: privat
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Unsere Stadt hat eine neue Regierung – und jede Menge alter Baustellen. Ein Wort zur Baustellensituation sucht man in der Regierungserklärung vom 12. Januar vergeblich. Vielleicht ist das auch überflüssig nach einem Wahlkampf, in dem ein flächendeckendes Tempo 30 gefordert wurde, welches baustellenbedingt bereits Realität ist.

Weitgehend bekannt ist, wie viele Brücken Berlin hat – rund 2100. Doch die Zahl der Baustellen weiß nicht mal ich, der hier seit 15 Jahren Taxi fährt, und der sich Tag für Tag von einer Baustelle zur nächsten quält. Eins ist sicher: Es sind definitiv zu viele, und es gibt immer mehr. Besonders „beliebt“ sind Dauerbaustellen, auf denen außer Absperrungsarbeiten kaum etwas passiert. Absolute Highlights sind derzeit die Invalidenstraße zwischen Gartenstraße und Hauptbahnhof, Unter den Linden zwischen Friedrichstraße und Brandenburger Tor und Karl-Marx-Allee zwischen Frankfurter Tor und Andreasstraße.

Eine ältere Dame erzählte mir neulich im Taxi, dass sie einen Arbeiter auf einer Baustelle gefragt habe, warum denn heute so langsam gebaut wird. „Damit wir nicht gleich wieder arbeitslos sind!“ lautete die Antwort. Aber nicht nur Fahrgäste und Taxifahrer sind machtlos. Ob ADAC, Presse oder Politik – niemand scheint etwas verändern zu können. Am morgigen Valentinstag wäre Gelegenheit zu einem neuen Anlauf, etwas zu bewegen. Was der Tag der Liebenden mit Baustellen zu tun hat? Er erinnert ursprünglich an Valentinus, der als Christ im dritten Jahrhundert ein Martyrium erlitt. Die Baustellen sind das moderne Martyrium Berlins, und ich leide mit meiner Stadt. Nietzsche sagt: „Der Jünger eines Märtyrers leidet mehr als der Märtyrer.“ Aber ich leide nicht nur, ich bin vor allem wütend und bin mir sicher, dass ich nicht der Einzige bin. Stehen nicht auch Sie ständig im Stau und fragen sich, warum auf der Baustelle noch nie jemand gearbeitet hat? Fragen Sie sich nicht auch, was man dagegen tun könnte? Und sind nicht auch Sie immer wieder zu dem Schluss gekommen, dass Sie nichts tun können, weil Sie allein ja nichts bewegen können?

Dann sollten wir am Valentinstag zumindest auf unser tägliches Martyrium aufmerksam machen. Folgen wir dem Beispiel Moskauer Einwohner und ihrer Aktion „Blaue Eimer gegen Bonzen“.  Damit protestieren die einfachen Bürger gegen Staatsbedienstete und Wirtschaftskapitäne, die sich ständig mit Blaulicht freie Fahrt auf den ebenfalls chronisch verstopften Straßen der russischen Hauptstadt verschaffen. Sie demonstrieren gegen die Bonzen, indem sie mit blauen Eimern auf den Autodächern herumfahren. Wir in Berlin sollten uns zum Valentinstag nicht nur Blumen, sondern Bauhelme kaufen. Für wenig Geld gibt es sie in jedem Baumarkt. Setzen Sie den Helm auf, wenn Sie auf den Berliner Baustellen, auch Straßen genannt, unterwegs sind. Oder legen Sie den Bauhelm sichtbar als Zeichen des Protestes in Ihr Auto. Fassen Sie sich am Valentinstag ein Herz: Machen Sie mit bei Bauhelme gegen Baustellen!

Der Autor ist Taxifahrer und Blogger. Seine „Unwahre Geschichten aus dem wahren Leben eines Berliner Taxifahrers“ sind unter www.autofiktion.com nachzulesen.

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