Berlin : Position: Mit dem Rücken zur Zukunft?

Rolf Hoffmann

Seit zehn Jahren enagiert sich der Förderverein Berliner Stadtschloss in sehr publikumswirksamer Weise für den Neubau des alten preußischen Schlosses in der Mitte Berlins. Die vielen Gegner dieser Idee innerhalb und außerhalb Berlin melden sich nur hier und da sporadisch zu Wort, da sich Individualisten in unserer Gesellschaft selten organisieren, die Freiberufler, Kulturschaffenden und Künstler, Literaten, Intellektuelle.

Herr von Boddien, Vorsitzender des Vereins Berliner Stadtschloss, spricht von einer "archäologisch exakten Rekonstruktion "des Schlosses". Abgesehen davon, das ich bis heute nicht genau weiß, was mit "dem Schloss" gemeint ist, (das des "mehr bauwütigen, denn baukundigen Wilhelm II, der 1892 die Bürgerhäuser der Schlossfreiheit vor dem Schloss abreißen ließ"?), halte ich eine "archäologisch exakte Rekonstruktion" - das hieße ja innen und außen - beim besten Willen für unmöglich.

Sodann kann ich den von den Schlossbefürwortern herangezogenen Vergleich mit der Frauenkirche in Dresden nicht nachvollziehen, da ich die architektonische Qualität des Berliner Schlosse nicht so hoch einschätzen vermag. Worin die eigentliche Qualität des Schlosses lag, hat Professor Buddensieg detailliert beschrieben, und gerade diese Qualität ist nicht wiederherstellbar.

Meines Erachtens kann eine demokratische Gesellschaft sich nicht Hotels, Shopping Centers, Wohnungen und Entertainment-Räume in einem Schloss einrichten, das dafür nicht etwa restauriert und umgenutzt wird, sondern für dessen vollständigen Neubau ex ovo unsere heutige, multikulturell orientierte Demokratie etwa eine Milliarde Euro ausgeben müsste - für mich eine Absurdität im ursprünglichen Sinne des Wortes.

Es wird behauptet, dass Berlin seine Identität endgültig verlöre, wenn ein Bau, der die Formensprache seiner Umgebung nicht aufnimmt und mit den historischen Gebäuden der alten Mitte kommuniziert, auf dem Schlossplatz gebaut würde. Dabei gehen die Schlossanhänger offensichtlich davon aus, dass nur der Neubau eines Schlosses diese Aufgabe erfüllen könnte, während ich der Meinung bin, dass es unsere Aufgabe sein muss, in der heutigen Formensprache zeitgenössischer, zukunftsweisender Architektur am Beginn des 21. Jahrhunderts Korrespondenzen zu den ja vielen vorhandenen restaurierten Gebäuden Unter den Linden und am Schlossplatz herzustellen. London ist deshalb eine so lebendige Stadt, weil man die Geschichte der Stadt an der sehr unterschiedlichen Architektur der einzelnen Epochen ablesen kann.

Allen Schlossbefürwortern ist das gleiche Misstrauen in die Fähigkeit unserer heutigen Architekten gemeinsam, das ich einfach nicht akzeptieren kann. Dabei kann man doch wohl davon ausgehen, das kein Berliner, geschweige denn Menschen aus Asien oder Amerika, nach Berlin kommen, um ein völlig neu erbautes, notgedrungen "falsches" Schloss anzusehen. Dagegen sind Gaudis Gebäude in Barcelona, die Oper in Sydney, das Guggenheim-Museum in Bilbao oder das zukünftige in New York ebensolche Reiseziele, wie nach 20 Jahren immer noch das Centre Pompidou in Paris, das mitten in den ältesten Stadtteil gesetzt wurde - damals ein Scandalon, heute eine für Paris unverzichtbare Architektur-Ikone. Und in Berlin sind Scharouns Konzertsäle auch für Kompositionen des Jahres 2001 noch wunderbar "richtig", wie man es gerade erleben konnte.

Wenn wir in Berlin in den letzten Jahren nicht so viele aufregende Gebäude gebaut haben, wie wir es uns alle wünschen, dann lag dies an den außerordentlich einschränkenden, ja jede Kreativität innovativer Architekten von vornherein einengenden, zerstörenden Vorschriften der Berliner Stadtplanung.

Ich bin also nach wie vor der Meinung, dass man unter den besten Architekten der Welt einen Wettbewerb ausschreiben sollte, allerdings erst, wenn sich die Stadt Berlin über die Nutzung des Gebäudes soweit im Klaren ist, dass man den Architekten eine konkrete Vorgabe machen kann. Der Vorschlag von Professor Lehmann, die Dahlemer Museen in das neue Gebäude am Schlossplatz zu verlegen, erscheint mir ebenso interessant wie der Gedanke, die universitären Sammlungen dort zu konzentrieren.

Auch die Meinung der Schlossbefürworter, dass es "keine Sachargumente pro und contra, sondern nur Gefühl gäbe, das eine zu mögen und das andere eben nicht", ist mir fremd, das wäre in der Tat zu wenig. Wir sollen uns - ebenso wie die Sachverständigenkommission - um Argumente pro und contra bemühen, auch wenn dies zu scharf formulierten Antithesen führt, die dem allgemeinen deutschen Harmonienbedürfnis widersprechen.

Mir geht es um mehr als einen Bau, mir geht es um unser Selbstverständnis, das Selbstverständnis der nächsten Generationen, für die wir bauen, die ihre Kraft aus dem Heute und Morgen und nicht aus einer falschen "Rekonstruktion", ja dem völligen Neubau eines Schlosses gewinnen sollen, das seine Wurzeln aus der Megalomanie eines intoleranten preußischen Kleinstaates mit zweifelhafter Geschichte herleitet.

Wollen wir denn wirklich mit diesem Koloss eines neu errichteten Schlosses daran erinnern, dass Deutschland erst vor weniger als 100 Jahren, als um Jahrhunderte verspätete Nachhut Europas, zu demokratischen Gesellschaftsformen fand, an einen Prozess, den wir in Deutschland nach dem Horror der Hitlerjahre erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhundert bewältigt haben? Wollen wir denn wirklich mit dem Nachbau des Schlosses unsere Nachfahren daran erinnern, oder soll das Disney-Shopping Center ohnehin darüber hinwegtäuschen?

Ein Disney-Schloss sollten wir den Investoren in Las Vegas überlassen, die dies wahrscheinlich besser nachbauen können.

Der Autor ist Unternehmer und Kunstsammler sowie Mitglied der Initiative MORGEN statt gestern.

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