POSITION : Wir schaffen es auch ohne Wunder

Das Volksbegehren für ein Wahlpflichtfach Ethik/Religion kann gelingen

Jan Hambura

Wer es glaubt, wird selig.“ Genau das hätte ich jemandem entgegnet, der mir vor drei Jahren gesagt hätte, dass die Berliner Schüler in ein paar Jahren zwischen Ethik- und Religionsunterricht wählen können. Damals wurde gerade der Ethikunterricht als verpflichtendes Schulfach ab der siebten Klasse eingeführt, der Religionsunterricht kann dagegen nur auf freiwilliger Basis mit Extrazeugnis neben dem Ethikunterricht besucht werden. Für viele Schüler ein Grund, Religionsunterricht abzuwählen oder erst gar nicht zu belegen.

Und tatsächlich stehen heute die Chancen für ein Wahlpflichtfach Ethik/Religion so gut, dass Malte Lehmings Kommentar „Pro Reli, contra Aktionismus“ geradezu nach einer Replik schreit. Lehming schrieb in dieser Zeitung, unsere Initiative „Pro Reli“ habe keine Chance auf Erfolg. Diese Meinung kann ich verstehen, jedoch keinesfalls teilen.

Und das aus mehreren Gründen. Erstens ist unser Volksbegehren für ein Wahlpflichtfach Ethik/Religion verbindlich. Anders als beim Volksbegehren und -entscheid für die Offenhaltung des Flughafens Tempelhof wird es ein Wahlpflichtfach Ethik/Religion geben, wenn die Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner dafür stimmt, weil sich unser Begehren auf ein Landesgesetz bezieht und bei Erfolg der dritten Stufe – des Volksentscheids – Gesetzeskraft erlangt. Unser Volksentscheid wird der erste in der Berliner Geschichte sein, in dem das Volk zu einer verbindlichen Entscheidung aufgerufen ist. Das wussten auch die rund 38 000 Berliner, die in der ersten Stufe für das Anliegen von „Pro Reli“ unterschrieben haben. Wir setzen uns dafür ein, dass Schüler zwischen Ethikunterricht sowie evangelischem, jüdischem, katholischem und muslimischem Religionsunterricht wählen können.

Zweitens ist die Wahlfreiheit zwischen Ethik- und Religionsunterricht kein Westberliner Thema. Umfragen zeigen deutlich, dass die Berliner in den östlichen Bezirken die Wahlfreiheit fast genauso stark befürworten wie die Berliner im Westteil. Sie haben offensichtlich nicht vergessen, dass die Kirche im Freiheitskampf in der DDR und bei der Wende 1989 eine sehr wichtige Rolle gespielt hat.

Drittens werden die Berlinerinnen und Berliner im September, wenn wir mit der zweiten Stufe unseres Volksbegehrens beginnen, ihre Unterschrift auf der Straße leisten können. Das erleichtert die Stimmabgabe, mussten sie doch bisher ins Bürgeramt gehen.

Die dritte Stufe, der Volksentscheid mit mindestens 610 000 benötigten Jastimmen, wird dann voraussichtlich mit der Wahl zum Europaparlament im Juni zusammenfallen. Das ist gut für „Pro Reli“ und für Europa.

Und überhaupt haben wir mit der evangelischen und katholischen Kirche als Unterstützern die beiden mitgliederstärksten Organisationen dieser Stadt hinter uns. Wir können auf viele freiwillige Helfer in den Gemeinden bauen. Unsere Bürgerinitiative aus Eltern, Schülern, Großeltern und engagierten Berlinerinnen und Berlinern hat eine völlig neue Qualität. Denn wir alle wissen: Wir haben in Berlin schon zu lange auf ein Wunder gewartet. Es ist an der Zeit, dass wir etwas dazu beitragen, es möglich zu machen.

Der 20-jährige Autor ist Student und stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Vereins „Pro Reli“

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