POSITIONEN : Familien sind das beste Barometer für die Politik

Von Bildung bis Verkehr – Fragen des Zusammenlebens berühren alle Bereiche in Berlin

von
Foto: promo
Foto: promo



Wer sich bei Berlinern nach der Lebenssituation in der Stadt erkundigt, bekommt herbe Kritik zu hören. Es scheint erschreckend, was alles nicht klappt – Kita, Schule, Wohnen oder Job. Auch die Familien gehen auf den ersten Blick mit ihrer Stadt kritisch um. Und das, obwohl sich Politik und Medien mit Einschätzungen, Zustandsbeschreibungen oder den klassischen „Man-müsstemal“-Ratschlägen überschlagen.

Fragt man bei den Familien aber gezielt nach, dann zeigt sich, dass die Kritik oft einer Verunsicherung entspringt: Wo bekomme ich einen guten Kita-Platz? Auf welche Schule schicke ich mein Kind? Sekundarschule, altersgemischter Unterricht? Wo kann ich mich über Familien-Angebote informieren? Dieser Verunsicherung ist nur mit guter Information abzuhelfen. Denn in tiefergehenden Gesprächen mit Familien wird deutlich, dass in der Stadt gute bis sehr gute Strukturen existieren und Angebote mehr als reichlich vorhanden sind. Über Gutes zu reden, heißt nicht, die Augen vor Missständen verschließen: Kinderarmut, mangelhafte Integration, die schwierige Lage Alleinerziehender und die mangelhafte Vereinbarkeit von Pflege und Beruf sind Tatsachen.

Der Berliner Familienbeirat hat jetzt in einer Online-Diskussion darüber diskutiert, wie das Zusammenleben in Berlin verbessert werden kann. Aus der Diskussion (www.Familienbeirat-Berlin.de) kann die Politik eines ablesen: Sie kann es sich nicht mehr leisten, Familie und ihre Vorstellungen vom Zusammenleben als isoliertes Thema zu betrachten. Denn die Themen, die Menschen aus allen Schichten der Stadt diskutieren, die ihnen unter den Nägeln brennen, berühren nahezu alle Bereiche des Zusammenlebens: Bildung und Betreuung, Wohnen, Verkehr, Freizeit und Information.

Für junge Familien steht längst nicht mehr allein die Betreuung im Vordergrund, Vorrang hat die Bildung der Kinder. Dazu gehören auch sanierte Schulgebäude, frisches Essen und ausreichend Lehrpersonal. Ältere Menschen in Familien wollen, dass der Zusammenhalt der Generationen auch im Alltag unserer Stadt gelebt wird: Möglichkeiten von Treffs von Jung und Alt werden ebenso gewünscht, wie die direkte Einbindung von Senioren in Arbeit und Entscheidungen des Alltags, zum Beispiel in Kita oder Schule. Positiv werden Parks und Grünanlagen bewertet, trotz der „Hundehaufen“. Kulturangebote für die ganze Familie werden ebenso geschätzt wie sichere Radwege oder die Beitragsfreiheit für die letzten Kita-Jahre ab 2011. Bezahlbarer Wohnraum ist über die ganze Stadt ein Zeichen für Familienfreundlichkeit.

Soviel ist inzwischen verstanden: Familie ist in Berlin jede Form des Zusammenlebens und des Füreinander- Einstehens. Und das berührt viel mehr Lebensbereiche der Stadt, als gemeinhin vermutet wird. Wer die Situation für Familien verbessern will, sollte die besten Experten befragen: die Familien selber. Für die Politik bedeutet das: Erst zuhören, Vorschläge prüfen und dann umsetzen.

Peter Ruhenstroth-Bauer ist Vorsitzender des Berliner Beirats für Familienfragen

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben