POSITIONEN : Nur rechnerisch ist alles in Ordnung

Beim Lehrerbedarf klaffen Theorie und Praxis weit auseinander.

Özcan Mutlu

Es ist jedes Jahr das Gleiche: Vor den Ferien weiß keiner, wie es nach den Ferien in den Schulen weitergeht. Lehrerinnen und Lehrer können sich nicht sicher sein, ob sie bleiben, umgesetzt oder vielleicht gar nicht eingesetzt werden. Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) scheint nichts aus den Fehlern seines Vorgängers gelernt zu haben und führt das traurige Spiel fort.

Rechnerisch haben wir laut Schulverwaltung genug Fachlehrer, rechnerisch müssten keine Stunden ausfallen, rechnerisch gibt es genügend Vertretungskräfte, rechnerisch bekommen alle Schülerinnen und Schüler jederzeit und an allen Berliner Schulen den ihnen zustehenden Unterricht in angemessener Qualität, rechnerisch stehen den Schulen zum kommenden Schuljahr etwa 900 neue Lehrerstellen zur Verfügung. Tatsächlich aber ist das alles leider nicht wahr. Seit Jahren schon nicht. An vielen Schulen mangelt es nämlich oft an qualifizierten Fachkräften.

Etwa 200 hochqualifizierten und motivierten Lehrerinnen und Lehrern werden die Fristverträge nicht verlängert, obwohl sie dringend gebraucht werden, und zwar auf festen, unbefristeten Stellen. Warum wird fachlich qualifizierten und eingespielten Lehrkräften, die das Vertrauen ihrer Schüler gewonnen haben, eine feste Anstellung verweigert? Warum wurde überhaupt befristet eingestellt? Mancherorts wollen Kinder diesen Verschiebebahnhof nicht mehr länger mitmachen und leisten „Widerstand“. Zu recht!

Einige hundert Lehrkräfte der Oberschulen sollen in Zukunft gegen jede pädagogische Vernunft an Grundschulen unterrichten, obwohl dort andere Fähigkeiten und Qualifikationen gefragt sind. Seit PISA pfeifen es die Spatzen auch vom Dach der Schulverwaltung, dass nachhaltige Bildung nicht früh genug beginnen kann. Warum wird den Schulen nach wie vor das nötige Kontingent an auskömmlichen Vertretungsstunden verweigert? Es gibt stets einen Vertretungsbedarf von ungefähr zehn Prozent der Gesamtstundenzahl, bedingt durch Krankheit, Fortbildung oder Wandertage. Was sollen die Schulen mit einer Vertretungsreserve von drei Prozent, wenn der Ausfall deutlich höher ist? Wo sollen die Schulen die Lehrer hernehmen, wenn der Lehrerarbeitsmarkt in Berlin durch eine desaströse Personalpolitik nahezu leergefegt ist und Lehrer aufgrund attraktiver Angebote aus anderen Bundesländern längst über alle Berge sind? Kontinuität, Verlässlichkeit und persönliche Bindungen sind Ecksteine einer erfolgreichen Pädagogik, das muss auch in Zeiten knapper Kassen gelten.

Die Liste der sich gegenseitig potenzierenden Fehlentscheidungen ließe sich fortsetzen. Dass es Fehlentscheidungen sind, räumt die Schulverwaltung mitunter selbst kleinlaut ein. Diese richtungslose und chaotische Politik wird sich unweigerlich rächen. Irgendwann muss sie nämlich repariert werden und wird letztlich erheblich teurer als kurzfristiges Sparen an den falschen Enden.

Es muss sichergestellt werden, dass an allen Berliner Schulen eine Personalausstattung zur Verfügung steht, die einen guten Unterricht ermöglicht. Der Eiertanz um die Personalausstattung im Schulbereich muss im Interesse unserer Kinder durch tatsächliche Neueinstellungen und einer realistischen Vertretungsreserve beendet werden!

Der Autor ist Mitglied des Abgeordnetenhauses und bildungspolitischer Sprecher Bündnis 90/Die Grünen.

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