POSITIONEN : Wagnis ist unser Kapital

Berlin muss kluge Köpfe in der Stadt halten – und ihnen Anreize bieten

Eric Schweitzer

Berlin ist Deutschlands Hauptstadt der Gründer und Wissenschaftler. In keinem anderen Bundesland sind im vergangenen Jahr prozentual so viele sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze entstanden wie bei uns.

Über vier Milliarden Euro flossen 2009 in den Bildungs- und Forschungsbereich – knapp ein Viertel des gesamten Haushalts. Und während deutschlandweit die Zahl der neu errichteten Unternehmen laut amtlicher Statistik nur leicht zulegte, lag Berlin mit einem Plus von 15,6 Prozent oder über 40 000 Neugründungen an der Spitze.

Und doch ist die Hauptstadt Schlusslicht aller Bundesländer bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Wir halten den traurigen Rekord, noch hinter Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Sowohl im Handel als auch im produzierenden Gewerbe ist die Zahl der Erwerbstätigen seit der Wiedervereinigung drastisch gesunken. Wenn Firmen in die echte Wachstumsphase kommen, verlassen sie Berlin häufig. Aber was noch viel schlimmer ist: Immer noch bleiben viele, zu viele top-ausgebildete Studenten nach dem Uni-Abschluss gar nicht erst in der Stadt.

Eine fatale Situation, denn was wir in die Köpfe dieser jungen Menschen investieren, führt oftmals andernorts zu Innovationen und der Entstehung von Arbeitsplätzen.

Aus Sicht der Politik als auch der Wirtschaft ist das eine inakzeptable Situation. Nur wenn neue Arbeitsplätze, neue Firmen in wachstumsstarken Branchen wie zum Beispiel der Green Economy entstehen, wird es Berlin gelingen, seine Finanzprobleme perspektivisch in den Griff zu bekommen. Die Investitionsquote Berlins verharrt aber seit Jahren bei einstelligen Werten und damit am unteren Ende der Skala aller Bundesländer. Und nur 43 Prozent der gesamten Ausgaben Berlins sind durch Steuereinnahmen erwirtschaftet. Plakativ gesprochen: Ohne die Unterstützung des Bundes hätten wir in Berlin griechische Verhältnisse.

Die entscheidende Frage ist deshalb: Wie schaffen wir es, diese jungen, gut ausgebildeten Menschen in unserer Stadt zu halten? Als Unternehmer bin ich davon überzeugt, dass es Aufgabe von Politik, Institutionen und Verbänden ist, eine Kultur des Wagnis und der Selbstständigkeit zu fördern.

Ein erfolgversprechender neuer Ansatz wäre, die Berliner Investitionsbank IBB zum Katalysator einer neuen Gründerwelle in Berlin zu machen. Mit risikolosen Mini-Krediten von 20 000 bis 30 000 Euro könnte die Bank all jene Hochschulabsolventen unterstützen, die ein überzeugendes Geschäftsmodell präsentieren.

Praktisch könnte dies so aussehen: Hat die junge Firma Erfolg, muss der Kredit nach fünf Jahren sukzessive zurückgezahlt werden. Und wenn nicht, dann trägt das Land die Kosten und damit das Risiko.

Ich bin mir sicher: Bei so vielen gut ausgebildeten, kreativen und innovativen jungen Menschen in dieser Stadt ist dieses Wagnis gerechtfertigt und überschaubar.

In Adlershof hat Berlin vorgemacht, wie man aus einem Traditionsstandort einen dynamischen Technologiepark entwickelt. Dort gibt es heute über 800 Unternehmen und 17 große Forschungseinrichtungen. Hier arbeiten über 14 000 Menschen und 6700 Studenten. Solche Leuchttürme brauchen wir nicht nur einmal, wir brauchen Adlershof mal zehn.

Der Autor ist Präsident der Berliner Industrie- und Handelskammer.

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