• Post für Sitzenbleiber: Ein „Bildungsplan“ im blauen Brief Schulen müssen jetzt individuelle Fördermaßnahmen für schwache Schüler entwickeln. Lehrer beklagen Mehrarbeit

Berlin : Post für Sitzenbleiber: Ein „Bildungsplan“ im blauen Brief Schulen müssen jetzt individuelle Fördermaßnahmen für schwache Schüler entwickeln. Lehrer beklagen Mehrarbeit

Susanne Vieth-Entus

Sitzen bleiben gilt seit Pisa als anachronistisch: Berlins Schulen sollen jetzt daraus Konsequenzen ziehen und die Zahl der Klassenwiederholer möglichst senken. In diesen Tagen bekommen schwache Schüler deshalb mit dem obligatorischen „blauen Brief“ einen so genannten Bildungsplan, der ihnen zeigen soll, wie sie doch noch das Klassenziel erreichen können.

Dazu müssen erst einmal alle Lehrer einer Klasse zusammentreten, die gefährdeten Schüler ermitteln und „individuelle Fördermaßnahmen“ benennen. Der Bildungsplan soll dann genau beschreiben, was passieren muss, um die Versetzungshürde zu nehmen. So will es Paragraph 59,2 des neuen Schulgesetzes. Ob es aber tatsächlich gelingen wird, die jetzige Sitzenbleiberzahl von rund 17000 Schülern pro Jahr zu senken – darüber gehen die Meinungen in den Schulen sehr auseinander. Insbesondere Hauptschulleiter betonen, dass auch der beste Bildungsplan nicht hilft, wenn die Schüler generell dem Unterricht fernbleiben. Aber es gibt auch Schulen, die diese Aufgabe mit positiven Erwartungen angehen.

So lädt die Spandauer Johann-Georg-Halske-Realschule dieses Jahr nicht alle Eltern pauschal zum obligatorischen Sprechtag ein, sondern gezielt jene, denen ein blauer Brief ins Haus geflattert ist. Neu ist auch, dass sie ausdrücklich zusammen mit ihren Kindern kommen sollen und dass die Einladung „anders formuliert ist“ als sonst, berichtet Schulleiter Friedemann Fenner. Soll heißen: Sie werden nachdrücklich aufgefordert, auch tatsächlich zum Sprechtag zu erscheinen. Darüber wird Buch geführt.

Dann geht’s an das Eingemachte: Es soll nicht nur gesagt werden, wo die Probleme liegen, sondern auch genau besprochen und aktenkundig gemacht werden, wie der Schüler noch das Klassenziel erreichen kann. Dass er beispielsweise nicht überall „etwas mehr tut“, sondern sich auf die Fächer konzentriert, wo es gute Chancen gibt, das Steuer herumzureißen. Fenner überlegt auch, ob er den Eltern vorschlägt, sich zusammenzutun und Schüler aus dem benachbarten Gymnasium für gezielten Nachhilfeunterricht anzuheuern. Mit den Eltern sollen auch scheinbar banale Dinge besprochen werden. Etwa, dass die Kinder früher ins Bett geschickt werden müssen. Die Eltern sollen so mehr in die Verantwortung genommen werden.

Fenner sagt zwar, dass die zusätzlichen Klassenkonferenzen, dass die Bildungspläne und alles andere insofern eine „echte Zumutung“ sind, weil die Lehrer schon jetzt über Gebühr beansprucht werden. Aber er sieht auch Vorteile: dass die Lehrer sich besser über die Schüler austauschen, dass Schüler und Eltern mehr Informationen bekommen. Und er kann sich schon vorstellen, dass die zusätzliche Förderung „bei dem einen oder anderen auf fruchtbaren Boden fällt“ und das Sitzenbleiben verhindert wird.

Auch Wolfgang Harnischfeger vom Lankwitzer Beethoven-Gymnasium glaubt, dass durch den neuen Paragraphen „was in Gang kommt“. Denn gerade Gymnasien fühlten sich bisher oft nicht so verpflichtet wie etwa Hauptschulen, die Schwachen zu fördern. Harnischfeger hatte schon vor in-Kraft-treten des neuen Schulgesetzes damit begonnen, zusätzliche „Crashkurse“ in Mathematik und Französisch anzubieten, um schlechten Schülern neue Chancen zu geben. Dieser Weg soll ausgebaut und Teil des neuen Schulprogramms werden.

Allerdings ist sich Harnischfeger mit Harald Mier vom Verband der Oberstudiendirektoren darin einig, dass die Senatsbildungsverwaltung zusätzliche Personalmittel bereitstellen müsste, um die Zahl der Sitzenbleiber zu senken. An diesem Punkt versteht die Schulverwaltung aber keinen Spaß. Als dieser Tage ein Zehlendorfer Gymnasium in einem Brief an die Verwaltung auflistete, welche zusätzlichen Lehrerstunden man brauche, um die schwachen Schüler zu fördern, wurde der Schulleiter postwendend vorgeladen, berichtet die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Laut Landesschulrat Hans-Jürgen Pokall haben die Schulen sehr wohl Personalreserven, um zusätzliche Förderstunden einzurichten.

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