Post : Weihnachtsgrüße vom BND

Zum Jahreswechsel werden Privat- wie Geschäftspost von einem dominiert: der Klappkarte.

Andreas Conrad

Von allen Kirchenmännern, Wissenschaftlern, Gelehrten, die sich je mit den Vorgängen vom 24. Dezember des Jahres 0 in Bethlehem beschäftigt haben, wurde eines nie infrage gestellt: Weihnachtskarten hat die himmlische Familie keine bekommen. Das wäre schon deswegen schwierig gewesen, weil ein Stall kaum als zulässige postalische Anschrift gelten kann. Vor allem aber: Die Weihnachtskarte war noch nicht erfunden. Erst 1843 soll ein gewisser Sir Henry Cole in London den Illustrator John Callcott Horsley damit betraut haben, ihm eine Karte mit „Merry Christmas and a Happy New Year to You“ zu entwerfen – der Beginn eines mittlerweile weltweiten Brauchs, der in Deutschland erst nach dem Ersten Weltkrieg übernommen wurde.

Längst haben wir beim Versenden weihnachtlicher Grüße mit dem Rest der Welt gleichgezogen. Und es kann dabei nicht verwundern, dass es zum guten Ton gehört, bunte Karten zu verschicken, deren Motive sich vom Festtagseinerlei abheben. Die Galeries Lafayette verzichteten bei ihrer Post beispielsweise auf den bärtigen Gesellen mit ausgeleiertem roten Sackmantel und setzten auf eine flotte Mademoiselle mit wohlgeformten Beinen, zudem eine Naschkatze, die die Finger nicht vom Kuchen lassen kann. Na gut, Figurprobleme hat sie keine. Die Berliner Countryrocker von Boss Hoss dagegen geben sich auf der Weihnachtsseite ihrer Karte recht finster und zeigen als blanke Haut nur ihre teilweise stark tätowierten Arme, rückseitig lassen sie zum „Happy New Year“ die Cowboyhüte fliegen.

Auch Parteien gedenken mittels Karten des Fests – und die Berliner FDP zeigt dabei gleich auch noch Mitleid mit dem Weihnachtsmann, dem die Rentiere offenbar davongelaufen sind und der sich nun auf die S-Bahn mit ihren bekannten Problemen verwiesen sieht. Insgesamt aber sind nordeuropäische Geweihträger von Weihnachtskarten nicht wegzudenken, finden sich etwa auf denen des VIA Verbund für Integrative Angebote wie auch der Werbeagentur „Position“.

Dass eine Firma namens Windreich AG auf das Motiv der Windräder statt – wie der Bundesnachrichtendienst – auf einen stilisierten Weihnachtsbaum setzt, überrascht nicht wirklich. Origineller ist da schon das ARD Hauptstadtstudio, das in einem Minicomic eine vom Weihnachtsstress befreite Kanzlerin zeigt. Laut Koalitionsvertrag, so ihre Erklärung, habe sich Herr Westerwelle um die Weihnachtsfeier zu kümmern. Er bricht unter der Last der Präsente fast zusammen.

Das Management des Olympiastadions schließlich bietet beim Aufklappen seiner Karte ein Säckchen mit dem blauen Splitt des Tartanovals, dazu eine Aufnahme der hintereinandergestaffelten Bahnen. Die mit der Nummer 1 liegt ganz hinten, unerreichbar fern. Andreas Conrad

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