Berlin : Potemkinsche Noten

Alles im Takt: Musikverlag Ries & Erler wird 125 Zum Sortiment gehören viele Filmklassiker

Andreas Conrad

„Ein paar Takte greller Musik, wüst, fortissomo“ – gleich zu den ersten Szenen. „Panzerkreuzer Potemkin“ sticht wieder einmal in See, und auch diesmal packt ein revolutionärer Taumel die Menschen, „die auf der Leinwand und die vor ihr“. Das liegt an der Geschichte, den Bilder, aber es liegt auch an dieser „grausamen, triumphierenden, hämmernden, scheußlichen Musik“, diesen revolutionären Klängen, komponiert von Edmund Meisel.

Die Beschreibung eines Kinoabends im Berlin von 1926, nachzulesen in Lion Feuchtwangers Roman „Erfolg“, gehört gewissermaßen auch zur Firmengeschichte des Berliner Musikverlages Ries & Erler, der heute 125-jähriges Bestehen feiert. Im Buch wurde aus der „Potemkin“ der „Panzerkreuzer Orlow“, ein dünner Schleier der Fiktion, hinter dem Eisensteins Klassiker leicht zu identifizieren ist. Seit knapp zehn Jahren kümmert sich der Verlag auch um Stummfilmmusik, führt seither auch die von Meisel für die Berliner „Potemkin“-Premiere komponierte Musik im Programm, hat sie soweit wie möglich rekonstruieren lassen. Die Überlieferung bei solchen Werken ist oft schlecht, gerade der „Panzerkreuzer“ wurde durch Zensur arg verstümmelt.

Zum neuen Segment kam der Verlag durch Zufall, erzählt Inhaber Andreas Meurer, Urenkel des Firmengründers Franz Ries. Zuvor konnte er nur Eduard Künnekes Musik zu Ernst Lubitschs „Das Weib des Pharao“ bieten, das damals von einem Schweizer Sender wiederaufgeführt wurde. Dadurch kam Ries & Erler in Kontakt zur Stummfilmszene und den Rechteinhabern anderer Filmmusiken, ein neues Arbeitsfeld erschloss sich, und mittlerweile gehören Klassiker wie die Musik zu Fritz Langs „Metropolis“ oder seinen „Nibelungen“ zum Sortiment.

Aufgabe des Verlags ist auch das Drucken der Noten, mehr aber, so beschreibt es Meurer, die Kompositionen zu betreuen, Urheberrechte zu sichern und dafür zu sorgen, dass die Stücke möglichst oft aufgeführt werden. Mittlerweile hat er Werke von rund 230 Komponisten im Programm, vom Barock bis in die Moderne, darunter Hans Pfitzner, Harald Genzmer, Ruth Zechlin oder Dirigent Wilhelm Furtwängler, der auch komponierte.

Angefangen hatte es im Juli 1881, als der Violinvirtuose, Komponist, Konzertagent und Königlich Sächsische Hofmusikalienhändler Franz Ries mit dem Verleger Hermann Erler in Berlin den Verlag Ries & Erler gründete. Das Alphabet hätte die umgekehrte Namensfolge nahe gelegt, die Kompagnons überließen das dem Zufall: Erlers Tochter musste in einen Hut mit Namenszetteln greifen und zog Ries.

Nach dem Tod seines Kompagnons führte Franz Ries den Verlag alleine fort, übergab die Geschäftsführung 1924 seinem Sohn Robert, nach dessen Tod 1942 ging die Firma in die Hände seiner Töchter Waltraud und Ingrid über. Bei Kriegsende wurden die Geschäftsräume am Kurfürstendamm 22 zerstört, doch 1948, mit Lizenz der Militärregierung, begann der Wiederaufbau des Unternehmens, das seinen Sitz jetzt in der Charlottenburger Wandalenallee 8 hat und seit 1997 von Andreas Meurer geleitet wird, Sohn von Ingrid Meurer, geb. Ries. Längst kümmert man sich nicht allein um klassische Musik. Schon Ende der Zwanzigerjahre kam Unterhaltungsmusik dazu. Auch konnte Ries & Erler andere Verlage übernehmen, zuletzt Anfang 1997 den Berliner Musikverlag Hermann Löffler – etwa zeitgleich mit der Hinwendung zur Stummfilmmusik, die nun auch Revolutionäres ins Programm brachte, zum Beispiel diese „grausame, triumphierende, hämmernde, scheußliche Musik“ von Edmund Meisel, die erst den „Panzerkreuzer Potemkin“ unter Volldampf setzte.

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