Berlin : Potemkinsches Hellersdorf

Die weltgrößte Hauswand-Malerei soll aus Plattenbauten eine Touristenattraktion machen

Stefan Jacobs

Der Empfang zum symbolischen „ersten Pinselstrich“ findet auf dem Gehweg zwischen Anwohnerparkplatz, Radweg und Klohäuschen satt. Zwischen den Sträuchern an der Stendaler Straße in Hellersdorf sind eine französische und eine EU- Flagge gehisst worden, im Hintergrund stehen fünfgeschossige Wohnblöcke. Sie sind erst im Wendejahr 1989 errichtet worden; ganz am östlichen Rand der Stadt. Bald sollen sie den Mittelpunkt des Bezirks bilden, der kein Zentrum hat, sondern einfach auf ehemalige Rieselfelder gesät wurde, bis die Wende ihn und das DDR-Wohnungsbauprogramm aufhielt.

Bis 2008 soll das Quartier nördlich des U-Bahnhofs Hellersdorf zum „Europaviertel Berlin“ werden – und mit 64 000 Quadratmeter bemalter Fassaden so attraktiv, dass sogar ein Busparkplatz zum Plan gehört. Das Bild auf dem Bauschild lässt die Dimension des Vorhabens ahnen: Die Betonwände sind als Klinkerfassaden mit Stuck und Simsen getarnt, Störche fliegen vorbei und werfen Schatten. Die obere Etage tut so, als wäre sie ein Ziegeldach. An der realen Fassade hinter dem Bauschild steht ein Gerüst; im zweiten Stock malt jemand Ziegelsteine auf die Wärmedämmplatten, im dritten dekoriert eine Malerin eine Balkonbrüstung mit Roggenähren, und im fünften kämmt sich eine bereits vollendete imaginäre Dunkelhaarige auf einem imaginären Balkon. „Trompe l’œil“, also Augentäuschung, heißt diese bereits von Brandmauern bekannte Technik.

Doch das Hellersdorfer Projekt hat eine völlig andere Dimension; es soll das weltgrößte seiner Art sein: Sechs Blöcke mit mehr als tausend Wohnungen und einer ziemlich toten Fußgängerzone mittendrin werden als Europa wiederbelebt. Die Niederlande grenzen an Griechenland und werden zur anderen Seite durch eine Gracht von Frankreich getrennt. Belgien ist eine Ecke weiter, nahe der lettisch-moldawischen Grenze. Die Länder sollen nicht nur an ihrer charakteristischen – aufgemalten! – Architektur erkennbar werden, sondern auch an den zugehörigen Grünanlagen. Nach Möglichkeit werden typische Gewächse gepflanzt, und mit ergänzend gemalten Palmen wollen Planer und Künstler auch mediterranes Flair hinbekommen.

„Wenn es so schön wird, muss ich ja doch nicht wegziehen“, sagt ein Anwohner im Vorbeigehen. Fenster, Bad und manche Rohre seien neu, berichtet der Frührentner, „alles andere ist noch VEB.“ Darin soll jetzt die Chance liegen. Peter Brockhaus, Geschäftsführer der Eigentümergesellschaft Level One, sagt: „Wir glauben, dass das Viertel nur auf diese Weise saniert werden kann.“ Die – für Plattenbauten untypischen – Läden im Erdgeschoss sollen als landestypische Restaurants und Fachgeschäfte teuer vermietet werden, was zurzeit chancenlos sei. Für die zumeist wenig betuchten Mieter ändere sich wenig – höhere Kaltmieten würden durch sinkende Betriebskosten gedämpft, erklärt Brockhaus. Er traut dem Projekt bis zu 300 neue Arbeitsplätze und einige tausend Touristen täglich zu.

Fünf Millionen Euro soll die Kunst kosten, die die französische Gruppe „Cité de la création“ erschafft. Die Künstler haben bereits tote Mauern von Lyon bis Kanada in lebendige Mittelaltergassen und Mietshäuser verwandelt – so realistisch, dass die Illusion erst beim zweiten Hinsehen auffällt. Selbst ein Mittel gegen Graffiti kennen die Künstler: In Frankreich habe man den Chef einer Sprayerbande als Radfahrer auf einer Mauer verewigt. An der vergreift sich niemand mehr.

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