Berlin : "Potsdam - Berlin - Bayreuth": Für "Erz-Canaillen" gab es kein Pardon

Michael Zajonz

Unter den Architekten des "Neuen Berlin" finden sich einige, deren inszeniertes Künstlertum den Kontrast zu ihren einflussreichen Auftraggebern sucht. Dass Carl von Gontard (1731-1791), neben Knobelsdorff der bedeutendste Baumeister Friedrichs des Großen, vergleichbare Starallüren pflegen konnte, ist unwahrscheinlich. Aus den Quellen tritt er uns vielmehr als bis zur Selbstaufopferung tätiger Diener seines Herrn entgegen. Anpassung war geboten, ersann der König doch höchstselbst architektonische Entwürfe. Misstrauen gegen seine Architekten Gontard, Unger und Manger brachten ihn mehrfach dazu, diese "Erz-Canaillen" wegen Betrugsverdachts inhaftieren zu lassen.

Gontard konnte trotz seines schwierigen Arbeitgebers die friderizianische Baukunst um die entscheidende Klangfarbe des Frühklassizismus bereichern. Eine brauchbare Monographie fehlte bislang. Auch die jüngst erschienene Studie von Astrid Fick behebt diesen Mangel nur halbherzig: Sie widmet sich Gontards adligen und bürgerlichen Wohnbauten in Berlin, Potsdam und Bayreuth. Mit Oeuvrekatalog und Exkursen - zum Potsdamer Militärwaisenhaus und den Kolonnaden- und Schlossprojekten - ist jedoch Gontards Gesamtwerk angesprochen, ohne dass der Text immer stringent bleibt. Hauptwerke, wie die von Horst Drescher erforschten Communs des Neuen Palais (1766-69) oder die Türme des Deutschen und Französischen Doms auf dem Gendarmenmarkt (1780-85), werden wiederum vorrangig im Katalog behandelt.

Ertragreicher ist der Blick auf Gontards Entwicklung innerhalb einer Baugattung über 40 Jahre und drei Wirkungsstätten hinweg. Bereits in Bayreuth liegt der Schwerpunkt bei städtischen Wohnhäusern. Gemäß seiner Ausbildung bei Jacques-Francois Blondel, dem großen Entwurfstheoretiker der Jahrhundertmitte, orientiert sich der junge Architekt an der französischen Classique von Perraults Louvre-Fassade und ihrer um 1750 taufrischen Rezeption durch Ange-Jacques Gabriel, den Premier Architecte du Roi Ludwigs XV. Römische Einflüsse aus Spätrenaissance und Barock sowie von Palladio treten hinzu. Astrid Fick gelingt mühelos der Nachweis: Gontard hat seine architektonische Handschrift - kubische Baukörper, stark plastische Fassadenreliefs - schon in Bayreuth gefunden. Die repräsentativen Stadtpalais waren in der protestantischen Markgrafschaft ohne Vorläufer.

Nach dem Siebenjährigen Krieg ergriff Friedrich die Chance, das Hofbauwesen seines verstorbenen Cousins zu beerben. Neben Gontard kam 1764 der achtzehn Jahre jüngere Georg Christian Unger nach Potsdam; als Schüler und Mitarbeiter, später auch Konkurrent. Der auftrumpfenden Geste des Neuen Palais, das der siegreiche Monarch westlich von Sanssouci in den Sand stemmen ließ, folgte die Umgestaltung der Stadt durch reichlich überdimensionierte "Bürgerhäuser". Fehlende Bauherren nötigten Friedrich, selbst als Planer und Financier aufzutreten, also immediat zu bauen. Gontard entfaltete als erster Dekorateur des Königs einen beeindruckenden Fassadenzauber, hatte Friedrich doch Rom, Vicenza und Paris zum Vorbild bestimmt. Hinter kolossalen Säulen und Pilastern von fürstlichem Zuschnitt lebten Soldaten und Handwerker.

Astrid Fick legt ihren Schwerpunkt auf die Analyse der Fassaden, die Diskussion möglicher Vorbilder. Städtebauliche Fragen behandelt sie eher am Rande. Das ist schade, denn vom kalkulierten Chaos des Wilhelmplatzes bis zur feinen Symmetrie der Blöcke Am Bassin nutzte Gontard die Vorteile dirigistischen Städtebaus souverän.

Ab 1779 plante Gontard die Kuppeltürme und Teile der Randbebaung am Gendarmenmarkt. Obgleich die Berliner Friedrich suspekt waren, sollte nun auch die Hauptstadt vom hierzulande gern bemühten Weltniveau profitieren. Dass Gontard mit den als Kulissen vor die älteren Kirchen gebauten, im Innern weitgehend funktionslosen Turmbauten tatsächlich ein großer Wurf gelang, zeigt ihre anhaltende Beliebtheit bei Architekten: Ludwig Hoffmann wie Hermann Henselmann kupferten das charakteristische Kuppelmotiv ab, so dass Berlin mit dem Alten Stadthaus und den Hochhäusern am Frankfurter Tor heute fünf "Gontard-Türme" besitzt. Wer allerdings Wohnhäuser sehen will, wie sie der Architekt einst am Gendarmenmarkt baute, muss nun nach Potsdam fahren.

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