Berlin : Potsdam ist nicht nur Sanssouci

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Aus der Vogelperspektive gewinnt fast jedes Objekt an Reiz, verlieren doch mit der Distanz dessen Runzeln und Schründe an Schärfe, weitet der Blick von ganz oben dem Betrachter automatisch die Brust. Fotobände mit Luftbildaufnahmen genießen daher schon von sich aus einen Bonus, stechen bereits durch die Aufnahmeposition aus der Masse ähnlicher, doch erdgebundener Publikationen heraus.

All das gilt besonders für den der Stadt Potsdam (und vereinzelt auch der Umgebung) gewidmeten Band, den Dirk Laubner für Nicolai fotografiert hat: eine Schwelgerei in Palästen, in den Ornten alter Gartenkunst, blinkenden Seen, rot durch sattes Grün schimmernden Stadtvillen. „Potsdam leuchtete“, könnte man, frei nach Thomas Mann, ins Schwärmen geraten, wird dann aber doch gelegentlich aus den luftigen Träumen gerissen: Potsdam ist nun mal nicht nur Sanssouci und Nikolaikirche, sondern ebenso die neben letztere in den märkischen Sand gerammten Betonklötze der siebziger Jahre oder das lange hochumstrittene Potsdam-Center, das man fotografieren kann, wie man will - eine Augenweide wird nicht daraus.

Überraschungen bietet der Fotograf dem Betrachter selten, setzt kaum auf Ausschnitte, die einem altbekannten Bau neue ästhetische Reize abgewinnen könnten. Das Ungewohnte ist und bleibt allein der Blick von oben, der in handwerklich sauberer Form umgesetzt wird, das Kameraauge ziele nun auf das Andreaskreuz der Kolonie Alexandrowka, das Oval eines neuen Bürokomplexes nahe der Zeppelinstraße oder den Vulkan des Filmparks Babelsberg.

Mehrsprachige Texte sind für derartige, besonders auf ein touristisches Publikum zielenden Bände Pflicht, der neue PotsdamBand, zu dem Gerd Nowakowski, Ressortleiter der Redaktion Berlin/Brandenburg im Tagesspiegel, das Vorwort schrieb, kommt sogar mit fünffachem Zungenschlag daher: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch. Wenn Verlage bei solchen Publikationen sich irgendwann noch für Japanisch entscheiden, hat die Region die touristische Schallmauer endgültig durchbrochen. Andreas Conrad

Dirk Laubner: Potsdam aus der Luft fotografiert. Nicolai Berlin. 121 Seiten, 12,90 Euro

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