Berlin : „Potsdam ist wie ein Gemischtwarenladen“

Hier ist Hartmut Dorgerloh, Herr über die preußischen Schlösser und Gärten, aufgewachsen, hier arbeitet er. Und manchmal wird er hier zum Romantiker

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Ob ich ein Potsdamer bin? Potsdam hat mich zumindest sehr geprägt. Ich bin hier aufgewachsen, in einem Haus am Fuße des Pfingstbergs, und ich denke, dass meine Begeisterung für Kultur aus meiner Kindheit herrührt. Meine Liebe zum Wasser natürlich auch. Jeden Sonntag bin ich mit meinen Eltern früher um den Heiligen See gewandert, mit meiner Jugendliebe bin ich dort bei Mondschein spazieren gegangen. Und gespielt habe ich immer am Belvedere. Das war damals noch eine über und über mit Pflanzen bewachsene Ruine, und der Zutritt war verboten.

Für mich ist Potsdam die feine, kleine Schwester von Berlin. Die elegante Architektur fasziniert mich. Wie ein Ring liegen die preußischen Schlösser und Gärten um die Stadt, und in die Zwischenräume sind wunderschöne Vororte gewachsen. Mir gefällt auch Potsdams Lebendigkeit. Samstagabends zum Beispiel ist die Fläche vor dem Nauener Tor voll mit Menschen, die in den Cafés sitzen oder vorbeiflanieren. Fast wie am Mittelmeer. Und es gibt hier sogar Dinge, die ich nicht einmal in Berlin finden könnte. Neulich zum Beispiel habe ich mit Freunden eine Aufführung von „Orfeo“ im Neuen Palais gesehen. Eine barocke Oper im barocken Ambiente, der Hinweg führte durch einen bezaubernden Park – das ist schon etwas Besonderes.

Dass ich mit meinem Freund heute in Berlin lebe, hat damit zu tun, dass ich Beruf und Privates trennen möchte. Berlin gestattet eben eine ganz andere Form der Anonymität. Ob mir Potsdam zu kleinstädtisch ist? Nein, daran liegt es nicht. Kleinstädtisch ist Potsdam nicht. Die Potsdamer sind nie nur in ihrer eigenen Soße geschwommen. Man denke nur an die Niederländer oder die Hugenotten, die hier lebten. Auch heute verändert sich die Bevölkerungsstruktur ständig. Durch Touristen, Wissenschaftler oder Menschen, die in Berlin arbeiten und hier wohnen. Die Stadt ist wie ein Gemischtwarenladen. Deshalb gibt es auch keinen eigenen Potsdamer Dialekt oder typische Potsdamer Gerichte. Typisch ist allenfalls, dass der Potsdamer sagt, was er denkt und dabei nicht der formvollendetste Diplomat ist. Ich mag das aber ganz gern.

Mit den Botschaftern, Showgrößen und Unternehmern, die hierher gezogen sind, ist in letzter Zeit eine neue Schicht mit ganz anderen Ansprüchen entstanden. Das prägt Potsdam natürlich auch. Bestes Zeichen ist der neue Markt vor dem Nauener Tor. Da gibt’s plötzlich 15 verschiedene Olivensorten. Mir ist der alte Markt auf dem Bassinplatz, wo die Bauern aus der Umgebung ihr Gemüse verkaufen, allerdings lieber. Hier kaufe ich Radieschen und Äpfel (die’s auch nur dann gibt, wenn eben Saison ist) und schleppe dann riesige Taschen mit nach Hause.

Ich bin eher der pragmatische Typ, aber an einigen Orten in Potsdam werde ich doch zum Romantiker: beim Hippodrom im Park Sanssouci zum Beispiel oder beim Schloss Charlottenhof. Diese Sehnsucht der Romantik nach dem Einssein mit der Natur, der Traum vom „Arkadien“, das alles spiegelt sich dort eindrucksvoll wider. Den schönsten Sonnenuntergang allerdings habe ich auf der Terrasse der Villa Kellermann, die jetzt Restaurant ist, erlebt. Dort sitzen bei einem leichten Rotwein, wenn das Licht über dem Marmorpalais verschwindet… wunderbar.

Aufgezeichnet von Anne Seith

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