Berlin : Potsdamer Platz: "Kampai" aufs globale Glitzern

Elisabeth Binder

Es ist das Privileg derer, die rund um das Jahr 2000 an den Geschicken dieser Stadt teilhaben, dass sie immer wieder an historischen Festen teilnehmen dürfen. Historisch deshalb, weil das, was gefeiert wird, viel länger bleiben wird, als die Menschen, die darauf anstoßen. In dieser Woche wurde also das Sony-Center mit Sake und Sushi feierlich aus der Taufe gehoben. Bevor wir uns in das Blau und Gelb und Rot und Grün ausgeleuchtete halboffene Glas-Ensemble begeben, um den Trommlern zu lauschen und den Reden natürlich, um mit einem Glas australischen Chardonnay unter etwa 2500 festlich gekleideten Menschen zu flanieren, sollten wir einen Blick aus einiger Entfernung auf den Ort des Geschehens werfen. Der schräge Glas-Hut gehört seit Fertigstellung zu den prägenden Elementen der Silhouette dieser Stadt, die so viele glitzernde neue Gebäude zeigt, dass man fast abstumpfen könnte angesichts all dessen, was es zu feiern gibt.

Gelingt es den Japanern mit ihren ausgeprägten Antennen für deutsche Empfindsamkeit und ihrer Lust an großen Gefühlen, die Sinne zu schärfen für die riesigen Wandlungen, deren Zeugen wir werden?

Der Einstieg war schon mal ausgesprochen gefühlvoll. Sony hat Mitarbeiter aus ganz Europa zusammengetrommelt, um dieses Ereignis zu feiern: so viele Japaner sieht man sonst nie auf dem Platz vor der Philharmonie versammelt. Sekt, Sushi, roter Teppich und anschließend die Erfüllung eines Lebenstraums. Norio Ohga ist hierzulande nicht unbedingt ein sehr bekannter Name. Aber der 70 Jahre alte langjährige Sony-Chef hat den futuristischen Glaspalast auf der anderen Hälfte des Potsdamer Platzes auf den Weg gebracht und bis zu einem glücklichen Ende begleitet. So nutzt er diesen Abend zu mehreren symbolhaften Gesten. Zunächst dirigiert er die Philharmoniker bei der Aufführung von Beethovens Neunter und erfüllt sich damit einen alten Wunsch. Die Musiker nehmen es mit Gelassenheit, nur um die Sänger im Philharmonischen Sony Chor muss man ein wenig fürchten, so voller Inbrunst singen die Leute, während ihr oberster Chef den Dirigentenstab schwingt. Mit einer stehenden Ovation ehren die Zuschauer später den sichtlich gerührten Mann, der an dieser Stelle wohl einen der Höhepunkte seines Lebens erlebt. Später wird er den Stab, mit dem er das Konzert dirigiert hat, an seine Nachfolger im Unternehmen übergeben, eine Geste, von der sich vor allem anwesende Sony-Manager tief bewegt zeigen. Einige Mitarbeiter des Konzerns kann man noch spät in der Nacht beobachten, wie sie für japanische Fotografen grüppchenweise posieren und "Freude, Freude..." deklamieren. Andere äußern ungezügelten Stolz auf das europäische Hauptquartier. Aber auch die Manager deutscher Lieferunternehmen sind voll des Lobes über japanisches Geschäftsgebahren: Dass es keine Schwierigkeiten gegegeben habe, liege eben auch an einer harmonieorientierten Verhandlungsführung und einer gewissen Großzügigkeit, erzählt man an einem Tisch, der sich biegt unter Maine Lobster, Hirschkalbsrücken in Wacholderrahm und Chicken Yakitori.

Es ist insgesamt eine bemerkenswert gut organisierte Party: der reibungslose Übergang der Gäste von der Philharmonie zum Sony Center, die bereit gehaltenen Schirme, das Kunststück, 2500 hungrige Gäste mit einer Kombination aus fliegenden und stehenden Büffets innerhalb kürzester Zeit zufriedenzustellen, die gelungenen Showeinlagen. Hinzu die sehr gekonnte Moderation von Roger Willemsen, die dort, wo es zu dramatisch zu werden droht, immer einen angenehmen Schuss trockenen Humors hineinbringt. Vor diversen Reden, die alle nicht zu lang waren, traten Tänzer aus fünf Kontinenten auf, ein schönes, stimmungsvolles Schauspiel, organisiert wie eine Staffel. Innenminister Otto Schily, der den Bundeskanzler vertrat, nannte den Platz später "ein Symbol der deutsch-japanischen Freundschaft". Architekt Helmut Jahn befand vor vielen Danksagungen schlicht: "Über Architektur kann man nicht reden, man muss sie erleben."

Zur Sake Zeremonie, einem weiteren Höhepunkt des Festes, hüllten sich der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen, Norio Ohga und weitere Ehrengäste in weißgrüne Happy-Kittel und droschen mit großen Holzhämmern auf Reisweinfässer ein, um sie zu öffnen. Der Reiswein wurde in viereckigen Holzbechern an alle Gäste ausgeschenkt, die mit dem japanischen Trinkspruch "Kampai" sodann gemeinsam auf das Glück in diesem Gebäudekomplex anstießen. Zum Abschluss des offiziellen Party-Teils gab es noch mal Musik, diesmal solche des 21. Jahrhunderts. Die japanische Percussion-Gruppe Kodo führten mit der Sängerin Yuka Ikushima und dem Komponisten Joern-Uwe Fahrenkrog-Petersen "See you today" auf, das eigens für diesen Anlass komponiert worden war.

Natürlich erhebt sich bei Festen dieser Größenordnung die Frage nach der anwesenden Prominenz. Die hatten die Japaner gar nicht in den Vordergrund gestellt, für sie war es schließlich mehr ein Familienfest. So waren einige der üblichen Prominenten da, Kati Witt etwa, aber auch der langjährige Tiergartener Baustadtrat Horst Porath, der schweizerische Botschafter Thomas Borer-Fielding und Frau Shawne, letztere ihre Berlin-Liebe mit einer silbernen Bärentasche unterstreichend, Filmproduzent Horst Wendlandt und Udo Lindenberg. Aber die fielen gar nicht weiter ins Gewicht.

Es ist auch Unsinn, den Glamour solcher Veranstaltungen nach den Strahlwerten der anwesenden Prominenten zu messen. Die das jetzt sind, haben einfach Glück, es in einer sehr besonderen Zeit zu sein. Der Glamour liegt nicht so sehr in den anwesenden Personen wie in den Inhalten. Ganz einfach zu erkennen übrigens. Man muss nur mal die Augen schließen und sich die Matschsteppe vorstellen, die am Potsdamer Platz noch vor fünf Jahren das Bild bestimmte. Anschließend das gläserene Glitzern betrachten, das daraus hervorgewachsen ist: Und sich vorstellen, was diese Häuser alles noch sehen werden, was wir nicht mehr sehen.

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