Berlin : Potsdamer Platz – wieder mit Mauer

Das Land erhält 35 Originalteile von Sony geschenkt. Das freut nicht jeden

Christian van Lessen

Auf dieses Geschenk des Sony-Konzerns haben offenbar viele gewartet: Kaum waren gestern Mittag erste Mauerteile am Potsdamer Platz vom Lastwagen geladen und aufgebaut, standen Touristen mit Kameras schon Schlange. 35 Originalteile wurden nach und nach an der Ecke Ebertstraße aufgebaut – genau an einer der Stellen, an denen die Mauer einst gestanden hatte. Berlin hat bis zum 21. August – so lange sollen die Betonteile noch stehen – eine weitere Touristenattraktion.

Die original bunt bemalten Mauerstücke sind Teil der Ausstellung „Berliner Mauer – Orte des Gedenkens“, die heute im Sony-Center eröffnet wird. Überschattet wurde die Aufbauaktion am Dienstag vom Protest Erich Stankes. Der selbst ernannte „Mauerschützer vom Potsdamer Platz“ unterhielt dort bis 1996 eine 70 Meter lange Mauer als Gedenkstätte. Sony räumte das Gelände und sicherte die Mauerteile. Stanke ist der Ansicht, sie seien sein Eigentum. Er kündigte gerichtliche Schritte an. Es ist nicht das erste Mal, dass er für Mauerreste kämpft. Er hat sich an die Betonplatten gekettet, mit Selbstverbrennung gedroht. 1990 hat der Unternehmer den DDR-Grenztruppen 120 Mauerteile am Potsdamer Platz abgekauft und seitdem darauf bestanden, dass die stehen bleiben, doch es kam anders. 2002 wurden Mauerteile als Staatsgeschenk an UN-Generalsekretär Kofi Annan übergeben, 2004 wurden 25 Meter Mauer an der Ecke Leipziger Platz/Stresemannstraße abgetragen, weil das Bundesumweltministerium dort bis jetzt einen neuen Dienstsitz baut. Nun der Streit mit Sony. Vom Konzern war gestern keine Stellungnahme zu erhalten.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die heute die Mauerteile offiziell als Geschenk in Empfang nimmt, wies auf „längst geklärte juristische Auseinandersetzungen“ hin. Die Rechtslage sei klar und vor Gericht entschieden. Das Land Berlin könne sich guten Gewissens über das Geschenk freuen.

Viele Berliner, die gestern beim Aufbau der Mauerstücke dabei waren, versuchten, sich die Situation von damals vorzustellen. West-Berliner erinnerten sich, dass ein paar Schritte von der wiederaufgebauten Mauer einst die Flachbauten von Souvenirläden standen. Fast direkt an der Mauer bot ein hoher Beobachtungsturm einen freien Blick über die Grenzanlagen und den verödeten Leipziger Platz.

Die Bellevuestraße galt Betrachtern gestern als einzige feste Größe. Wo das alte Hotel „Esplanade“ stand, türmt sich das Sony-Center. Die Ausstellung dort will erinnern und Orientierungshilfe geben. In ihre Zeit fällt der Jahrestag des Mauerbaus am 13. August 1961.

Die Ausstellung soll nach ihrer Premiere im Lichthof der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung an der Behrenstraße in Mitte gezeigt werden. Für die Mauer ist dort allerdings kein Platz. Sie wird im August zum zweiten Mal am Potsdamer Platz abgebaut. Dann soll sie nach Auskunft der Behörde wieder zerlegt und zwischengelagert werden, bis sie ihren endgültigen Standort bekommt. Wenn es nach dem Wunsch vieler Touristen geht, gäbe es dafür nur einen idealen Standort: den Potsdamer Platz.

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