Berlin : Power aus Berlin

Siemens hat im Moabiter Werk die weltweit leistungsstärkste Gasturbine gebaut – jetzt ist sie fertig

Corinna Visser

Berlin - In der „Kathedrale der Arbeit“ brummen die Maschinen. Das kleine Radio in der Ecke hört man kaum. Dennoch passt die Musik ins Bild: Hier wird nicht am Fließband gearbeitet. In der 247 Meter langen, vom Tageslicht durchfluteten Fertigungshalle in Berlin Moabit bewegen sich die Arbeiter ruhig, fast gemächlich. Von Hektik ist im 25 Meter breiten Hauptschiff des „Maschinendoms“ von 1909 auch im Jahr 2007 keine Spur.

Die Spitznamen „Kathedrale der Arbeit“ und „Maschinendom“ hat die vom Architekten Peter Behrens im Jugenstil erbaute Turbinenhalle erhalten, weil das Gebäude aus Stahl, Glas und Beton tatsächlich ein beeindruckendes Kunstwerk ist. Allerdings eines, in dem Siemens Hightech produziert. Im vergangenen Jahr haben die 2000 Mitarbeiter im Berliner Gasturbinenwerk jede Woche eine Turbine ausgeliefert. Das war Rekord. Seit 1972 haben bereits mehr als 500 Gasturbinen das Werk verlassen. Und an diesem Freitag gibt es in dem Berliner Werk – abseits der Turbulenzen, in die der Konzern durch die Schmiergeldaffäre geraten ist – wieder etwas zu feiern: Siemens liefert die größte und leistungsstärkste Gasturbine der Welt aus, die SGT5-8000H.

Die älteste Maschine, die bei der Produktion der Turbine der neuesten Generation zum Einsatz kam, ist immerhin rund 40 Jahre alt. Allerdings wird diese Vertikaldrehmaschine zur Gehäusebearbeitung inzwischen nicht mehr von einem Menschen, sondern vom Computer gesteuert. Überhaupt sind in der Montagehalle an der Huttenstraße nur wenig Menschen zu sehen. Auch die SGT5-8000H ist inzwischen fort. Sie liegt bereits im Westhafen, von wo aus sie per Schiff die Reise zum Kunden Eon Energie antreten soll. Eon Energie will die Turbine im bayrischen Irsching in ein neues Hightech-Kraftwerk einbauen.

Der Boden in der Halle ist rutschig von der Kühlflüssigkeit, die überall fließt, wo computergesteuerte Maschinen fräsen und bohren. An einer Stelle setzt ein Arbeiter per Hand Schaufeln in die Radscheibe einer Turbine ein. Jede der heiß laufenden Turbinenschaufeln kostet in etwa so viel wie ein VW Golf. Allerdings könnte man sagen, sie sind ihren Preis wert – die Leistung einer einzelnen Schaufel entspricht der von zehn Porsche Turbo.

500 Stück dieser teuren Schaufeln hat eine fertige Turbine. Insgesamt wird sie aus rund 7000 Einzelteilen zusammengesetzt. An der Entwicklung und Produktion der SGT5-8000H haben 500 Leute mitgearbeitet – darunter Siemens-Forscher aus der ganzen Welt. Nach früheren Angaben hat das Unternehmen 500 Millionen Euro in die Maschinenentwicklung sowie in Bau, Finanzierung und Prüfung der Testanlage investiert. Ziel war es, eine neue Generation von Gasturbinen zu entwickeln, die in punkto Leistung, Wirkungsgrad und Emissionswerte Maßstäbe setzt – und die für den Kraftwerksbetreiber auch noch kostengünstig ist. Die SGT5-8000H ist dabei geradezu ein Vorzeigeprodukt für den Weltkonzern. Dessen zurückgetretener Chef Klaus Kleinfeld wollte den Konzern ganz auf die Megatrends der Gesellschaft – den demografischen Wandel und die Verstädterung – einstellen und betrachtet die Energieversorgung dabei als eine zentrale Herausforderung.

Eine gewöhnliche Gasturbine ist 300 Tonnen schwer, elf Meter lang und hat einen Durchmesser von drei Metern, sie bringt es auf 280 Megawatt. Die SGT5- 8000H wiegt 440 Tonnen, ist 13,5 Meter lang, 5,50 Meter im Durchmesser und kommt auf 340 Megawatt. Ihre Leistung entspricht der von 13 Triebwerken eines Jumbo Jets. Das reicht, um eine Stadt wie Hamburg mit Strom zu versorgen.

Die Montagehalle aus den sechziger Jahren ist der sauberste Bereich im ganzen Werk. Jeder, der sie betritt, muss seine Schuhsohlen reinigen. Einer der sechs Endmontageplätze hier musste für die SGT5-8000H extra vergrößert werden. Und weil sie so groß und leistungsstark ist, konnten im Berliner Werk nur Komponenten, nicht aber die ganze Turbine getestet werden. Das passiert jetzt in der Prototypanlage in Irsching. Noch ist dies für Siemens ein Pilotprojekt. Doch zwei weitere Interessenten für die SGT5-8000H soll es bereits geben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben