Berlin : Prämie für Patienten

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Die Krankenkassen werfen den Berliner Universitätskliniken vor, zu viele „ Bagatellfälle“ zu behandeln. So zum Beispiel die Augenkrankheit Grauer Star (Catarakt). Von „Kopfprämien für Patienten“ ist die Rede. Ein Brief des Verwaltungsdirektors der Charité, Bernhard Motzkus, an niedergelassene Augenärzte Berlins hat den Verdacht der Kassen erhärtet. Darin bietet die Charité Ärzten eine „Aufwandsentschädigung" von 28 Euro pro Patient an, wenn sie einen Catarakt-Patient stationär zur Operation an die Charité überweisen und anschließend einen Berichtsbogen über die Nachbehandlung ausfüllen. Damit wolle man im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie die Erfolge der Eingriffe dokumentieren.

Das bringt die Kassen auf den Plan, denn diese haben wiederum mit den Augenärzten ein zusätzliches Honorar von 23 Euro für die Vor- und Nachsorge eines Catarakt-Patienten vereinbart, wenn der nicht stationär operiert wird. Die Krankenkassen vermuten nun, dass die Charité diese Spar-Regelung zu unterlaufen sucht. „Hier steht offensichtlich das ökonomische Interesse im Vordergrund", sagt Karl-Heinz Resch, Landeschef der Berliner Ersatzkassenverbände. Auch der medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK), der unter anderem die korrekte Abrechnung von ärztlichen Leistungen überprüft, hat Zweifel an dem Verfahren der Charité. Weil weder der Finanzier der Studie noch die zeitliche Dauer benannt sind, sei „das Studienziel nicht rekonstruierbar", heißt es in einer Stellungnahme des MDK. Deshalb liege die Frage nahe, „ob hier die Charité aus eigenem wirtschaftlichen Interesse eine Überweisungsprämie zahlt."

Denn diese Augenoperationen sind ein lukratives Geschäft. Ambulant kosten sie rund 610 Euro, stationär müssen die Krankenkassen dafür 1680 Euro auf den Tisch legen. Im vergangenen Jahr führten Berlins Krankenhäuser 13 000 Catarakt-Operationen durch, davon die Charité allein rund 2200. Am Uniklinikum Benjamin Franklin waren es nur 200 Operationen.

Experten sind sich jedoch einig, dass 95 Prozent der Catarakte ambulant in Augenarztpraxen operiert werden könnten. Schon jetzt geschieht das in Berlin jährlich rund 28 000 Mal.

Natürlich arbeite man an einer wissenschaftlichen Studie, hält Motzkus dagegen. „Seit Jahren versuchen die Krankenkassen, Patienten an uns vorbeizuschleusen. Aber wir müssen da gar nicht nachhelfen. Die Patientenzahlen steigen trotzdem immer weiter an.“ I.B.

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