Präparatoren-WM : Schöner als das wahre Leben

Die Präparatoren Robert Stein und Jürgen Fiebig aus dem Naturkundemuseum in Berlin sind mit den beiden Tier-Modellen des Bechstein-Ara und des Komodo-Waran Weltmeister geworden.

Stefan Jacobs

Nach Amerika wären sie wohl gar nicht erst reingelassen worden mit diesem Gepäck. Oder das Heimatschutzministerium hätte ihre Mitbringsel sicherheitshalber gleich auf dem Flughafen zerlegt. Insofern war es ein Riesenglück für Jürgen Fiebig und Robert Stein, dass die Weltmeisterschaft der Präparatoren endlich einmal in Europa stattgefunden hat, in Salzburg. Anfang der Woche sind sie wieder im Naturkundemuseum angekommen. Als Weltmeister in ihren Kategorien! Hinten im Lieferwagen hatten sie den Komodo-Waran, den Bechstein-Ara und anderes preisgekröntes Getier.

Jetzt parkt der Waran in seiner, wie Fiebig es nennt, „Strandsituation“ auf einem Handwagen im Museumskeller. Die Situation mit Reptil, Sand, Korallen und Krabben ist vielleicht drei Quadratmeter groß und zentnerschwer. Der Waran hat seinen rechten Hinterfuß entspannt nach oben gedreht, wie er das auch zu Lebzeiten im Berliner Zoo gern tat. Seine von einer Spezialfirma eigens hergestellten Augen sind im Wortsinne funkelnagelneu. Man weicht einen Schritt zurück, so echt sieht er aus. Allein der „äußerst unangenehme Eigengeruch, der auf faulende Aasreste im Maul zurückgeführt wird“ (Wikipedia) fehlt.

Fiebig und Stein haben das Tier mit einer revolutionären Technik präpariert: Innereien raus, Stahlgerüst rein, Fleisch an der Haut gelassen. Dann mit einem Spezial-Kunststoff gefüllt und das noch enthaltene Wasser verdunsten lassen, bis der Waran allmählich fest wurde. Das dauerte Wochen, während derer natürlich immer wieder seine Haltung korrigiert werden musste, damit er möglichst natürlich aussah und keine Abdrücke von der knapp dimensionierten Vakuumkammer zurückbehielt. Der große Vorteil des Verfahrens ist, dass die Haut nicht schrumpft und der Waran nicht knittert. Die anderen Arbeiten – Nähte kaschieren, Haut mit Airbrush nachkolorieren, Lider feinjustieren – waren die für Präparatoren üblichen. Und sie wurden so gut, dass die Juroren 90 von 100 möglichen Punkten vergaben – in der Kategorie „Collective Artists“, weil Fiebig und Stein das Werk gemeinsam vollbracht haben.

Die Jury einer Präparatoren-WM besteht aus Koryphäen, die mit Taschenlampen in Körperöffnungen leuchten und Bewertungsbögen ausfüllen, in denen beispielsweise die durchscheinende Äderung von Nasenscheidewänden gewürdigt wird. Fiebig sagt: „Die schauen, ob das Innenleben der Nase top ist.“

Gesamtsieger wurden die zwei Füchse des Mecklenburgers Dirk Opalka mit 96 Punkten. Aber Stein war mit 93 Punkten für seinen Bechstein-Ara auch sensationell. Zumal er mit seinen 27 Jahren bereits in der höchsten Kategorie „Master“ angetreten ist. Der Ara, ein seltener Papagei, „lag schon länger in der Kühlung“, wie Stein sagt. Aber wie er sich jetzt von seinem Ast herunterbeugt und den Kopf nach links wendet, scheint er sprechen oder etwas picken zu wollen. Eine so dynamische Haltung kommt bei Juroren erfahrungsgemäß gut an. Ob sie natürlich wirkt, testet Stein mit einem Trick: „Man stellt sich einfach mit seinem Tier vor den Spiegel.“ Der offenbart verrutschte Hälse ebenso wie falsch liegende Federn. Bei diesem hier sitzt jede einzelne perfekt. Ein Supermodel-Ara. Stein hat ihm mit Kunstharz eine Delle im Schnabel ausgebessert, die er sich vermutlich beim Knabbern am Gitter reingeschliffen hatte. Und eine fehlende Kralle wurde durch eine aus dem Depot ersetzt.

Dass die Präparate tot perfekter aussehen als zu Lebzeiten, ist ausdrücklich erwünscht. Hauptsache, sie wirken noch natürlich. Stein sagt, er gehe jede Woche in den Zoo, um sich auf dem Laufenden zu halten.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar