• Präsidentschaftswahl und "Pulse of Europe": Die Berliner Franzosen standen am Sonntag Schlange

Präsidentschaftswahl und "Pulse of Europe" : Die Berliner Franzosen standen am Sonntag Schlange

Auch viele in Berlin lebende Franzosen haben am Sonntag gewählt – einige wollten vorher noch zu „Pulse of Europe“. Ein Ortsbesuch.

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Anhänger der proeuropäischen Bewegung "Pulse of Europe" demonstrieren am Sonntag in Berlin. Foto: Paul Zinken/dpa
Anhänger der proeuropäischen Bewegung "Pulse of Europe" demonstrieren am Sonntag in Berlin.Foto: Paul Zinken/dpa

Orte, an denen es zur selben Zeit um fast nichts und um alles geht, um das Banale und das Bedeutungsvolle, liegen bisweilen dicht beieinander. Zum Beispiel am Sonntagmittag auf dem Kurfürstendamm: Gesperrt zwischen Joachimsthaler und Uhlandstraße, Remmidemmi mit Musik, Vorbereitung auf den Kellnerlauf, und direkt daneben, an der Ecke Uhlandstraße eben, die Schlange der zur Stichwahl angetretenen Franzosen. Eine Schlange von respektabler Länge, die bis zur „Komödie“ reicht, manchmal auch darüber hinaus.

Als Schlusslichter haben sich soeben eine ältere und jüngere Frau eingereiht, erstere mit Gehhilfe, was im Alltag lästig ist, in dieser Situation aber von Vorteil ist: Schon bald eilt eine Helferin des im Institut Français eingerichteten Wahllokals herbei und geleitet das Paar an der Schlange vorbei ins Maison de France. Dass die 76-jährige Mutter, gebürtige Deutsche, überhaupt mitwählen darf – oder „mitmischen“, wie sie es nicht ohne Stolz nennt –, liegt an ihrer Tochter, die einen aus Senegal stammenden Franzosen geheiratet hat: So kam auch sie in den Genuss der doppelten Staatsbürgerschaft. Ihre Prognose? Beide verziehen das Gesicht, offenbar erwarten sie einen knappen Ausgang, auf den aber, so denken sie, der Hacker-Angriff auf Macrons Team keinen Einfluss mehr haben dürfte.

Viele wollten vor der Wahl noch zu "Pulse of Europe"

Entfällt also mit Gehhilfe das Anstehen, so hat eine dem Eingang schon sehr nahe gerückte Gruppe von zwei Männern und einer Frau bereits eine gute halbe Stunde Wartezeit hinter sich und bestimmt noch mal etwa dieselbe Zeit vor sich. Auch sie geben nichts auf die mit Fake-News garnierte Veröffentlichung von Mails des Macron-Teams. Entscheidend sei das TV-Duell zwischen Emmanuel Macron und Marine Le Pen gewesen, das ja ersterer für sich entscheiden konnte, so wie am Abend dann letztlich auch die Präsidentenwahl. Auch eine junge Rechtsreferendarin am Kammergericht, deren Mutter im Gebäude als Wahlhelferin wirkt, sieht den möglichen Einfluss der Hackerattacke aufs Ergebnis eher gelassen: „Ich denke nicht... ich hoffe nicht.“

Raphael (38) aus Paris steht in Berlin mit einer französischen Fahne, auf der die euopäischen Sterne zu sehen sind. Foto: Paul Zinken/dpa
Raphael (38) aus Paris steht in Berlin mit einer französischen Fahne, auf der die euopäischen Sterne zu sehen sind.Foto: Paul Zinken/dpa

Szenenwechsel, Umzug zur Französischen Botschaft: Der Eingang für die Wähler liegt in der Wilhelmstraße, und vor zwei Wochen schlängelten diese sich vor bis auf den Pariser Platz. Diesmal dagegen: Welche Schlange? Doch, am Vormittag habe es sie gegeben, nicht Richtung Unter den Linden, sondern zur Dorotheenstraße hin, versichert ein an der Absperrung postierter Polizist. Und auch ein Botschaftsangehöriger, der einen ersten Blick auf die Ausweise der Wahlberechtigten wirft, mag von gesunkenem Interesse gegenüber dem ersten Wahlgang nicht sprechen. Viele kämen sowieso auf den letzten Drücker.

Klar war, dass einige Berliner Franzosen vorher noch zur Kundgebung „Pulse of Europe“ wollten, diesmal auf dem Bebelplatz und ganz im Zeichen der französischen Wahl. Die Bewegung für Europa, inspiriert insbesondere vom Erstarken der Populisten in Frankreich, will auf jeden Fall weitermachen. Künftig aber nicht mehr jeden Sonntag, sondern nur noch an jedem ersten Sonntag im Monat, die nächsten Male also am 4. Juni und am 2. Juli.

Am Abend wurde der Wahlausgang im „Le Canapé Rouge“ in der Kreuzberger Friesenstraße kräftig gefeiert, wo zum Buffet und den TV-Berichten aus Paris gebeten wurde. Gerard Degouy, seit 1971 Weinhändler in Berlin, wird hier aber nicht mehr dabei sein – er eilte nach Erledigung seiner Wahlpflicht zu seinem Segelclub nach Tegel. Er habe eben, so ulkte er, nicht Marine, sondern die Marine im Sinn.

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