Berlin : Prävention beginnt im Kopf

Wilfried Gräfling, kommissarischer Feuerwehrchef, über Panik bei Bränden

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Was hat die Feuerwehr aus dem Brand in der Ufnaustraße gelernt?

Zwei wesentliche Punkte: Der erste ist die Prävention. Wenn es brennt, muss das richtige Verhalten bereits im Kopf vorhanden sein. Wer sich erst im Ernstfall damit beschäftigt, bei dem ist es zu spät, den erreichen wir nicht mehr. Jeder sollte sich vorher damit beschäftigen, um nicht so kopflos zu reagieren, wie die Menschen in der Ufnaustraße.

Wie erreichen wir die Menschen?

Wir haben Hinweisschilder auf Comic-Basis drucken lassen, die man sich in den Hausflur oder das Treppenhaus hängen sollte. Wir haben Merkblätter in mehreren Sprachen im Internet. Weitere Sprachen bereiten wir vor. Und wir haben die Brandschutzerziehung für Kinder verstärkt. Wir haben weitere Koffer mit Unterrichtsmaterialien bekommen, um möglichst viele Schulklassen zu erreichen.

Und der zweite wesentliche Punkt?

Das ist die Kommunikation am Einsatzort. Nach dem Feuer in der Ufnaustraße haben uns Anwohner vorgeworfen, dass die Feuerwehr sie nicht angesprochen hat, was schlichtweg falsch ist. Die Menschen haben unsere Anweisungen in der Panik nicht wahrgenommen und konnten sich auch später nicht daran erinnern. Wir wissen jetzt, dass wir Menschen in Panik nicht mit Sprache erreichen können. Deshalb sind wir dabei, Gebärden oder Zeichen zu entwickeln. Wir könnten zum Beispiel einen großen Winkehandschuh mit der Aufschrift „Stop“ schwenken, um Menschen zu signalisieren, nicht aus dem Fenster zu springen.

Damals hatte ein Junge einen Kinderwagen im Hausflur angezündet. Wieso dürfen Kinderkarren dort stehen?

Ein Verbot ist nicht durchsetzbar, damit müssen wir leben. Unser Appell ist aber, darauf zu verzichten.

Die Feuerwehr hatte danach vorgeführt, dass ein Kinderwagen in zwei Sekunden zu entzünden ist. Wieso ist das erlaubt?

Es ist uns nicht gelungen, auf europäischer Schiene ein Verbot leicht entflammbarer Materialien durchzusetzen. Wir erwarten aber, dass sich die Hersteller freiwillig verpflichten. So bauen viele Hersteller auf unseren Druck hin nur noch schwer entflammbare Fernseher.

Wilfried Gräfling (51) ist seit 23 Jahren bei der Berliner Feuerwehr und seit dem Weggang Albrecht Broemmes im Mai auch kommissarischer Leiter.

Mit Gräfling sprach Jörn Hasselmann

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