Berlin : Praxis Doktor Flipper

Eine Berliner Familie fliegt bald nach Florida. Ein Delfin soll der behinderten Tochter helfen. Tiertherapie – die einen halten sie für Humbug, die anderen rühmen sie als Wunderkur.

Stefan Jacobs

Die erste öffentliche Delfintherapie fand genau gestern vor 40 Jahren statt: Damals, am 19. September 1964, lief auf dem amerikanischen Sender NBC die erste Folge von „Flipper“.

Ein paar Jahre später entstand dann die andere, die wahre Delfintherapie. Die nicht auf Fernsehkanälen, sondern in Bassins an klimatisch angenehmen Orten der Welt stattfindet: in Florida etwa, auf Kuba oder auf der Krim. Sie ist zwar teuer, aber sie helfe behinderten Kindern, sich weiterzuentwickeln – ja, bewirke geradezu Wunder, berichten Betroffene. Manche Verhaltensforscher dagegen halten sie schlicht für faulen Zauber.

Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen und ist nicht leicht zu finden. Die Wohnung von Familie Fregin in Berlin-Hohenschönhausen ist ein guter Ort, um mit der Suche zu beginnen. Saskia ist 14 und lächelt, als ihr Vater mit dem Fotoalbum ins Wohnzimmer kommt. Die Erinnerungen an ihre Reise nach Florida stecken darin: Saskia mit Therapeutin vor Palmen, Saskia an die Rückenflosse eines Delfins geklammert, der sie mit großer Bugwelle durchs Becken zieht… Zwei Jahre ist das her. 14 Tage für zwei Erwachsene und ein Kind. 13 000 Euro, inklusive Saskias Delfintherapie. Die kostete 775 Dollar pro Stunde. Den Hinweis, dass ein Erfolg nicht garantiert werden könne, gab es gratis dazu.

Saskia leidet an Cerebralparese, einer Bewegungsstörung in Kombination mit geistiger Behinderung. Ihr Zwillingsbruder starb im fünften Schwangerschaftsmonat, Saskia kam als Frühchen mit einer Fehlstellung der Füße auf die Welt. Sie entwickelte sich langsamer als andere Babys. Ob ihr Gehirn jedoch schon bei der Geburt nicht in Ordnung war oder erst etwas abbekam, als sie mit vier Jahren von einer Bank fiel, ist ungewiss. Jedenfalls hieß die Diagnose nach dem Unfall: Blutgerinnsel im Gehirn. Und die Konsequenz: Pflegefall, lebenslang.

Die Füße wurden operiert, trotzdem hatte Saskia vor der Delfintherapie nur wenige Schritte gehen können – heute begleitet sie ihren Vater, wenn er mit dem Hund Gassi geht. Vor der Therapie sprach sie kein Wort, jetzt sagt sie „Mama“, „Papa“ und manchmal „alle“. Vor der Therapie wich sie jedem Blick aus, jetzt fixiert sie die Leute minutenlang. Und: Sie hört auf ihre Eltern.

Alles wegen der paar Runden, die der Delfin sie für ein Wahnsinnsgeld durchs Becken gezogen hat?

Die Delfintherapie in Key Largo, Florida, gilt als das Original. 1978 begann der Verhaltensforscher David E. Nathanson, die Wirkung von Delfinen vor allem auf autistische Kinder und solche mit Down-Syndrom zu untersuchen. Er übte mit ihnen neue Fähigkeiten – Worte, Bewegungen oder Verhaltensweisen – und ließ sie zwischendurch mit den Delfinen spielen. Mit dem Wechsel aus Anstrengung und Entspannung lernten die Kinder mehr und schneller als zuvor, was zum einen offenbar an der wohltuenden Wirkung des Wassers und zum anderen an der schlichten Anwesenheit der Delfine lag. Der Erfolg war offensichtlich und die Nachfrage riesig; nach ein paar Jahren und noch mehr Studien baute Nathanson sein Therapiezentrum aus. DHT, Dolphin Human Therapy, heißt es heute. Seit 1998 kommen pro Jahr etwa 400 Kinder mit ihren Familien zur zwei- bis dreiwöchigen Therapie. Viele haben das Geld mühsam zusammengespart und obendrein um Spenden geworben – so, wie es auch Saskias Eltern über ihre Internetseite my-delphin.de machen. Die Kasse zahlt nichts dazu. „In Deutschland haben uns die Ärzte gesagt, unser Kind sei nicht therapierbar“, sagt Saskias Mutter.

In Florida habe sich mindestens einer der Therapeuten nur um Saskia gekümmert. Bevor sie zu den Delfinen ins Wasser durfte, wurde am Beckenrand trainiert: Sie musste sich die Schuhe allein ausziehen, was ihr vorher nie gelungen war. Sie musste gezielt nach Dingen greifen – mit ihrem linken Arm, der vorher nutzlos herunterhing. Als Belohnung durfte Saskia dann zu ihrem Delfin, der lächelte und Kunststücke vollführte und sie mitnahm auf seine Wildwasserfahrt.

Nach dem Spielen zeigte die Therapeutin ihr zwei Karten: eine mit einem Ball und eine mit einem Delfin. Nur wenn Saskia auf die Delfinkarte zeigte, durfte sie im Wasser bleiben. So lernte sie, bewusst Entscheidungen zu treffen. „Die Trainer haben Saskia ziemlich hart angefasst“, erinnert sich die Mutter, „das habe ich mich selbst nicht getraut.“ Dafür verblüffte Saskia ihre Eltern täglich mit neuen Wundern. „Vielleicht hängt das ja auch mit diesen besonderen Schwingungen der Delfine zusammen“, sagt Saskias Mutter.

Genau da fängt für Skeptiker der Hokuspokus an. Klar ist, dass Delfine sich mit Ultraschall orientieren, aber für die oft beschworene „positive Energie“, mit denen sie gar gezielt auf Kranke einwirken, gibt es nicht den mindesten Beweis.

Der Psychologe Rainer Brockmann von der Freien Universität Berlin befasst sich seit vielen Jahren mit tiergestützten Therapien und erklärt das Phänomen ganz nüchtern: Schon das Glück der Eltern, einen Platz ergattert zu haben, würde eine positive Grundstimmung auf jedes Kind – ob behindert oder nicht – übertragen. Die nach abendländischer Auffassung ohnehin beinahe heiligen Delfine würden zusätzlich zu Sympathieträgern dressiert: „Ein Pferd klatscht eben nicht Beifall, wenn ein Kind etwas gut gemacht hat. Das bringt nur ein Delfin. Dass der das auf Kommando macht, bemerkt das Kind ja nicht.“ Die Aussicht auf die Belohnung im Wasserbecken motiviere die kleinen Patienten derart, dass sie bei der Therapie bis an die Grenze ihrer Möglichkeiten gingen. „Da kommt es zu qualitativen Sprüngen, die mit Heilung nichts zu tun haben. Der Delfin ist die Startrakete.“ Und die Eltern sähen erstaunt, was ihr Kind leisten kann – aber zu Hause nie musste, weil es beispielsweise einfacher war, den Tisch selber abzuwischen, statt es mit dem Kind stundenlang zu üben. Vergleichbares ließe sich auch mit anderen Tieren erreichen, sagt Brockmann. Mühsamer zwar, aber dafür auch viel, viel billiger.

Der Verhaltensbiologe Lorenzo von Fersen begleitet seit Jahren ein Forschungsprojekt vom Delfinarium des Nürnberger Tiergartens mit der Uni Würzburg – das Einzige dieser Art in Deutschland. Für ihn sind die Delfine ideale Partner, weil ihr scheinbar lächelndes Kindchenschema-Gesicht sympathisch wirke und sie zugleich gelehrig, geduldig und wenig empfindlich gegen gröberes Anfassen seien. Geschadet habe die Therapie noch keinem Kind, aber „es ist noch zu früh, um von konkreten Erfolgsquoten zu sprechen“, sagt der Wissenschaftler.

Dass die Definition von Erfolg ohnehin schwierig ist, wissen auch Saskias Eltern. Was Unbeteiligten als kleiner Schritt erscheinen mag, ist für die Familie ein Riesensprung. Deshalb fliegen sie im Oktober wieder nach Florida. Sie haben eisern gespart. Und hoffen auf neue Wunder.

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