Praxisführer: Diabetes : „Nur fünf Minuten täglich“

Strikte Therapiepläne, eine neue Esskultur und intensive Schulungen Zuckerkranke brauchen Diabetes-Berater – und die brauchen viel Geduld.

Ingo Bach

Auf den Karteikarten sind Lebensmittelfotos zu sehen: eine Orange, Brotscheiben, Lachsfilet, Bier … Und dann gibt es noch andere Karten. Darauf steht nur: „fettreich“, „blutzuckererhöhend“ … Die Unterrichtsaufgabe: „Bringen Sie die Karten richtig zueinander!“

Mit dieser Art Schulungsmaterial sollen Diabetiker lernen, welche Nahrungsmittel ihnen guttun und welche nicht, wie sie die Insulinspritzen oder -pumpen bedienen und welche Regeln nötig sind, um mit der Zuckerkrankheit gut leben können. Intensive Patientenschulungen bieten nahezu alle diabetologischen Behandlungszentren an. Die Patienten erhalten meist halbstündige Einzelberatungen und dann fünf Schulungen in kleinen Gruppen. Eine Art Grundschule für Diabetiker: „Der Patient soll lernen, seine Krankheit danach selbst zu verwalten“, sagt der Diabetologe Thomas Scholz aus Berlin-Tegel.

Alles hänge an der Bereitschaft der Patienten, mitzuarbeiten, sagt der Arzt. Und um diese Bereitschaft zu fördern, treiben die Mediziner einen ziemlich großen Aufwand. Neben regelmäßigen Schulungen beschäftigen die anerkannten Schwerpunktpraxen etwa oft extra Ernährungs- und Diabetesberater.

Sahar Fahimi ist eine von ihnen, 38 Jahre alt und seit 2005 Diabetesberaterin in der Kreuzberger Praxis ihres Ehemannes Sohrab Fahimi. Dafür hat sie an ihre Lehre zur Diabetesassistentin noch eine zweijährige Zusatzausbildung angehängt. Regelmäßig muss sie an wochenlangen Fortbildungen teilnehmen. Und es wird auch im Alltag viel von ihr und ihren Kolleginnen verlangt: Sie müssen motivieren, aufklären, psychologischen Beistand leisten, geduldig sein.

Gerade bei den Typ-1-Diabetikern muss Sahar Fahimi sehr hartnäckig sein. „Denn Blutzuckerschwankungen sollen vermieden werden, um Folgeschäden zu verhindern.“ Das heißt: Disziplin.

Fahimi muss immer Antworten auf die Fragen ihrer Patienten haben. Kann ich den Diabetes wieder loswerden? – Nein, leider nicht! Kann ich vom Insulin abhängig werden? – Abhängig ja, antwortet sie dann, aber nicht als Sucht, sondern weil Ihr Leben daran hängt. Warum gibt es Insulin nicht auch als Tablette? – Weil Insulin auf Eiweiß basiert und Eiweiß im Magen zersetzt wird. Insulin übersteht die Verdauung nicht. Es muss direkt ins Blut.

„Ich möchte den Patienten ihre Ängste nehmen und sie zur Therapietreue ermutigen“, sagt Sahar Fahimi. Aber erzwingen könne man nichts. Eine Drohkulise aufzubauen – nach dem Motto, wenn Sie sich nicht an die Regeln halten, werden Sie blind oder verlieren einen Fuß! – das bringt nichts, sagt auch der Diabetologe Sohrab Fahimi. „Kein Mensch hat Lust, sich ständig mit seiner Krankheit zu beschäftigen und täglich daran erinnert zu werden, dass man schwer krank ist.“ Hier kommt also viel Psychologie ins Spiel. „Oft sagen Patienten, ich weiß das doch alles selbst, ich will nichts hören.“ Und kommen erst Monate später endlich zur Schulung.

Viele Betroffene erwarten vom Arzt, sich um sie zu kümmern. Und von einer echten Selbstverwaltung sind manche weit entfernt. Gerade Diabetologen stehen oft vor dem Problem, dass der Erfolg der Behandlung von der Disziplin der Patienten abhängt – aber einige der Betroffenen dies trotz größter Anstrengungen nicht verstehen wollen.

Mancher Arzt versucht es mit psychologischen Tricks, dem Zeittrick zum Beispiel. „Ich frage meine Patienten: Wie viel Zeit müssen Sie täglich in ihre Krankheit investieren?“, sagt Fahimi. Es sind insgesamt nur fünf Minuten! Fünf Sekunden für jede Blutzuckermessung, zehn Sekunden fürs Spritzen, 20 Sekunden, um die Broteinheiten der Lebensmittel zu bestimmen.

Die Ignoranz der Therapieempfehlungen steigt mit sinkendem sozialem Status der Patienten, sagt der Spezialist Thomas Scholz. Und manchmal kommt Fatalismus hinzu, wenn plötzlich wieder mal ein Patient, den er lange nicht gesehen hat, in der Praxis mit schweren Folgeschäden auftaucht, weil er sich nicht an den Therapieplan gehalten hat. „Manche erreicht unsere Botschaft trotz aller Mühe dann doch nicht.“Ingo Bach

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