Berlin : Preiskrieg der Großen kostet die Kleinen das letzte Hemd

Immer mehr Einzelhändler geben auf – gescheitert an der Rabattschlacht, riesigen Verkaufsflächen großer Center und an langen Öffnungszeiten

Cay Dobberke

Die Schere zwischen großen Filialketten und kleinen Einzelhändlern geht immer weiter auseinander. Auf der einen Seite eröffnete zum Beispiel gestern die Firma Hornbach, die europaweit mehr als 100 Bau- und Gartenmärkte betreibt, einen neuen Standort an der Malchower Chaussee in Weißensee. Erst im Dezember hatte auch der Praktiker Baumarkt in Wedding seine größte Filiale überhaupt bezogen. Zugleich stehen aber viele alteingesessene Geschäfte vor der Schließung, darunter das Teppichhaus Kourosh am Lehniner Platz oder das Glas- und Porzellangeschäft Stadermann am Kurfürstendamm.

„Der Handel wird aus den wohnortnahen Lagen verdrängt“, klagt Nils Busch-Petersen vom Einzelhandelsverband. Einer der Gründe ist die Rabattschlacht, die mit bis zu 70-prozentigen Nachlässen im Weihnachtsgeschäft einen neuen Höhepunkt erreicht hatte. Als Chance für den Mittelstand, auch ohne große Werbekosten mehr Kunden anzuziehen, galten bisher die Schlussverkäufe. Doch der Winterschlussverkauf vom 26. Januar bis zum 7. Februar wird voraussichtlich der letzte sein.

Der Preiskrieg werde trotz der damit verbundenen Gewinnrückgänge anhalten, nimmt Busch-Petersen an. Die Händler handelten nach dem Motto: „Es ist Blödsinn – aber die anderen machen es ja auch.“

Ein weiteres Problem sehen die Industrie- und Handelskammer (IHK) und der Einzelhandelsverband im rasanten Anstieg der Verkaufsflächen. 28 Einkaufszentren gibt es in Berlin und mindestens neun weitere sind geplant – darunter das Sonae-Center nahe dem Alexanderplatz und mehrere Zentren an der Landsberger Allee. Weiter wachsen wollen auch die Gropius-Passagen in Neukölln, die schon jetzt das größte Center der Stadt sind.

Zu den Opfern der Großkonkurrenz zählt sich der Neuköllner Damenmodehändler Wolfgang Dudek. Der ehemalige Vorsitzende der Händlergemeinschaft „Aktion Hermannstraße“ wird Ende März nach 34 Jahren seinen Familienbetrieb an der Hermannstraße schließen. „Im Weihnachtsgeschäft hatte ich 30 Prozent weniger Umsatz“, sagt er. Dudek hatte lange gegen Sondergenehmigungen für Spätverkäufe und das neue Ladenschlussgesetz gekämpft. „Mit den langen Öffnungszeiten der Großen können wir nicht mithalten.“ Denn um zu später Stunde noch viele Kunden anzulocken, sei ein „Amüsierbetrieb“ mit zusätzlichen Attraktionen nötig, wie ihn nur Center bieten könnten.

Teppichhändler Hagshenas Kourosh gibt seinen Laden am Lehniner Platz am 5. Februar auf (behält aber das Zweitgeschäft in der Fasanenstraße). „Die Ketten werben immer aggressiver, nehmen uns die Luft weg“, sagt der 59-Jährige, dessen Firma seit 28 Jahren besteht. Die Glas- und Porzellanhandlung Stadermann am Kurfürstendamm schließt wegen hoher Miete Ende Januar.

Der IHK werfen Kourosh und Dudek vor, zu wenig für kleinere Läden zu tun. Die Kammer weist das zurück und rät, kleine Läden müssten ihre Kundenbindung stärken und mehr zusammenarbeiten – wie etwa die Berliner Kooperation „Duo schreib & spiel“, die rund 350 Spiel- und Schreibwarenhändlern niedrigere Einkaufspreise ermöglicht.

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