Berlin : Prekäre Verhältnisse

Verband warnt vor zu großen Grundschulklassen

Opposition und Grundschulverband warnen vor einem Scheitern der neuen Schulanfangsphase. Die geplanten großen Klassen mit bis zu 28 Kindern seien „der Todesstoß“ für die Reform und ein „Affront“ gegen alle, denen der Bildungserfolg der Kinder wichtig sei. Ein Gelingen des gemischten Unterrichts mit Erst- und Zweitklässlern sei so nicht möglich. In einem offenen Brief an Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) forderte der Grundschulverband, die Klassen auf 24 Kinder zu beschränken. Wo es viele Schüler aus „prekären“ Verhältnissen gebe, dürften die Gruppen nur aus 20 bis 22 Kindern bestehen.

An den Schulen ist die Besorgnis groß, seitdem bekannt wurde, wie groß im kommenden Schuljahr die ersten Klassen werden sollen. Vor allem die Vorgaben für die Klassen mit vielen Migrantenkindern beunruhigen Eltern und Lehrer: Laut einer neuen Verwaltungsvorschrift dürfen die Bezirksämter bis zu 26 Kinder pro Klasse zuweisen, wenn dies „aus schulorganisatorischen Gründen zwingend erforderlich“ ist. Angesichts der knappen Räume in vielen Schulen steht schon jetzt fest, dass manche Bezirke bis an die Obergrenze gehen.

„Die Schulen verlieren an substanzieller Kraft, ihrem Bildungsauftrag gerecht zu werden“, warnen deshalb die Vorsitzenden des Grundschulverbandes, Peter Heyer und Inge Hirschmann. Auch Özcan Mutlu von den Bündnisgrünen zweifelt am Gelingen der Schulanfangsphase, in der Kinder von fünfeinhalb bis acht Jahren zusammen unterrichtet werden sollen, darunter viele emotional-sozial auffällige und mit Behinderungen sowie rund 5800 mit großen Sprachmängeln.

Wie schwierig die Aufgabe ist, die die Lehrer der Schulanfänger zu bewältigen haben, zeigt auch ein Blick auf die Einkommensverhältnisse der Familien. In manchen Bezirken stammen über 50 Prozent der Kinder aus Haushalten, die Hilfen vom Staat beziehen. Diese Zahl wurde ermittelt, weil diese Familien vom Schulbuchkauf befreit sind.

Die Befreiung vom Schulbuchkauf ist ein wichtiger Indikator: An ihm orientiert sich der Senat auch bei der Entscheidung, welche Erstklässler jetzt erstmals Anspruch auf ein Starterpaket haben. Wie berichtet, sollen die Schulen 30 Euro für jedes dieser Kinder erhalten, um für sie Hefte und andere Verbrauchsmaterialien kaufen zu können. Zurzeit berät der Rat der Bürgermeister noch über das Prozedere bei der Verteilung der Gelder. Insgesamt stehen im Haushalt knapp 290 000 Euro bereit.

Mit dem Thema Kinderarmut beschäftigte sich gestern auch der Sozialausschuss im Abgeordnetenhaus: Die Fraktion der Grünen forderte als konkrete Maßnahme zugunsten der Kinder aus benachteiligten und bildungsfernen Familien, ihnen einen Teilzeitplatz von sechs bis sieben Stunden in der Kita zu gewähren. Die Koalition lehnte den Antrag gestern ab. rni/sve

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