Berlin : Prellböcke an der Grenze

Wie die DDR im Juni 1953 den Berliner S-Bahn-Verkehr stoppte

Manuel Jacob

Am Morgen des 17. Juni 1953 haben nicht nur DDR-Volkspolizei und sowjetische Besatzungsmacht ein Problem, sondern auch die Verkehrsbetriebe in Berlin. Tausende Arbeiter wollen zu den Kundgebungen gegen die DDR-Regierung in der Innenstadt fahren – mit der S-Bahn. Sie ist in Berlin wichtigstes Verkehrsmittel, verbindet die Westsektoren mit dem Ostsektor und dem Umland.

Vom Bahnhof Hennigsdorf fahren die Züge alle halbe Stunde nach Berlin. Das will die streikende Belegschaft des dortigen Stalin-Werks nutzen. Gegen zehn Uhr rüsten sich 6000 Stahlwerker zur Abfahrt.

Die S-Bahn-Leitung, die der DDR-Reichsbahn unterstellt ist, ist überrascht. Um 10.47Uhr verfügt der Vizeminister für das Eisenbahnwesen, Erwin Kramer, dass Züge am jeweils nächsten Bahnhof stehen bleiben müssen. Um elf Uhr wird auf allen Strecken der Strom abgeschaltet, die Grenze gesperrt. Auf dem Bahnviadukt zwischen Friedrichstraße und Lehrter Stadtbahnhof lockern bewaffneten Polizeieinheiten Schienen und errichten provisorische Prellböcke.

Weil der Strom abgeschaltet ist, stehen auf den Strecken im Westen nun viele Züge herum. In der folgenden Nacht wird er deshalb für einige Stunden eingeschaltet, um sie zurück in den Osten zu fahren. West-Berliner Polizeibeobachter stellen fest: „1.12 Uhr: S-Bahnverkehr über Ringbahn ab 0.55 Uhr aufgenommen.“ – „2.04 Uhr: Innerhalb von 30 Minuten haben fünf S-Bahn-Leerzüge vom Westen kommend in Richtung Osten den Lehrter Bahnhof passiert, außerhalb des Bahnhofs gehalten und sind in Richtung Osten wieder abgefahren.“ Der Tagesspiegel berichtet kurz darauf von 30 Zügen, die in den Osten zurückfahren. Etwa 20 Züge bleiben allerdings auf den Strecken in West-Berlin stehen.

Am nächsten Morgen nimmt die S-Bahn im Ostsektor den Betrieb wieder auf, allerdings unregelmäßig. In West-Berlin hingegen ruht der Verkehr bis zum 22. Juni, auf den Ost-West-Strecken noch länger. Den Vorschlag der Gewerkschaft Deutscher Eisenbahner, in West-Berlin einen Betrieb ohne Beteiligung der Reichsbahn einzurichten und dabei auf die im Westen liegen gebliebenen Züge zurückzugreifen, lehnen die Alliierten ab. Stattdessen unterstützen sie die nun stark beanspruchte BVG mit 38 Militärbussen.

Auf den Strecken zwischen Ost und West wird der Verkehr erst nach drei Wochen aufgenommen. Am 9. Juli 1953 meldet Zugleiter Felix Trosdorf im Nord-Süd-Tunnel: „Betrieb wieder aufgenommen.“ Die Prellböcke sind weggeräumt, der Verkehr über die Sektorengrenze rollt wieder. Bis zum Mauerbau 1961.

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