Premiere im Neuköllner Heimathafen : Volkstheater gegen Schulprobleme

Selbstbewusstsein, Bühnenpräsenz: Das haben Jugendliche bei Maike Plath gelernt. Doch in ihrer Schule in Neukölln fühlte sie sich unverstanden – und ging, um weiterzumachen. Heute ist Premiere.

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Ein Haufen Schüler ... und Maike Plath mittendrin (links unten).
Ein Haufen Schüler ... und Maike Plath mittendrin (links unten).Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Heiß soll es werden zur Premiere. „Wir haben am Donnerstag 30 Grad und ihr werdet im Scheinwerferlicht stehen und schwitzen“, sagt Maike Plath. Sie bereitet ihre Theaterschüler, acht Neuköllner Jugendliche zwischen 16 und 22 Jahren, lieber schon darauf vor – schließlich zählt sie darauf, dass auch alle da sind zur Premiere.

Lehrerin oder Theaterregisseurin?

Fast könnte man die Schiene am Fuß übersehen, den sie sich vor einigen Wochen gebrochen hat, so temperamentvoll flitzt die 43-Jährige durch den Probenraum im Neuköllner Heimathafen. Sie weiß, wofür sie das tut. "Diese Woche wird der Wahnsinn und wir schaffen das zusammen. Ihr werdet euch noch in 20 Jahren daran erinnern."

"Tear down this classroom" heißt das Stück, das am Donnerstag Premiere feiert. Es erzählt aus der Perspektive der Jugendlichen von den Problemen an Berliner Schulen. Der Name ist Programm: Maike Plath, bis zum vergangenen Sommer Lehrerin für Deutsch und Englisch an einer Neuköllner Sekundarschule, hat das Klassenzimmer hinter sich gelassen, „einen Ort der strukturellen Demütigung“, wie sie es nennt. Sie hat den Lehrerberuf geschmissen, um mit ihren ehemaligen Schülern nur noch Theater zu machen.

In zehn Jahren hat Plath mehr als 20 Stücke mit Berliner Schülern auf die Bühne gebracht. Vier Bücher hat sie darüber geschrieben. Sie ist im Vorstand des Vereins Mitspielgelegenheit für Theater an Schulen und sie engagiert sich für das Theaterprojekt der Quinoa-Initiative, deren neu gegründete Privatschule in Wedding mit geringen Elternbeiträgen auch für Schüler aus Hartz-IV-Familien offen sein soll.

Doch nicht überall ist Maike Plath mit ihrem Engagement gut angekommen. Als Lehrerin sei es ihr nicht erlaubt gewesen, Probleme offen anzusprechen, ständig habe sie deswegen Ärger gehabt. Plath versteht das nicht. „Wie sollen wir den Schülern beibringen, konstruktiv mit Kritik umzugehen, wenn wir es selbst nicht können?“

Realität ist die beste Theatervorlage

Maike Plath hat jetzt so viel zu sagen, dass sie überhaupt nicht dazu kommt, sich im Biergarten des Heimathafens die Zigarette anzuzünden, die sie schon seit Minuten dreht und wendet. Wenn sie davon berichtet, wie es überhaupt dazu kam, dass ihre Schülergruppe hier spielen kann, kichert sie. Vor ein paar Jahren sei sie einfach vorbeigekommen und habe von ihrem Projekt mit den Jugendlichen erzählt. Daraus ergab sich die Zusammenarbeit. Jugendliche bis 22 Jahre können mitmachen. Das gemeinsame Stück, das sie dieses Jahr im Heimathafen erarbeitet haben, erzählt aus dem Alltag in der Schule – im Zentrum steht der Rütli-Brandbrief von 2006.

Totales Chaos statt Unterricht

Zur Zeit des Schulskandals war Maike Plath gerade zwei Jahre in Berlin, als Lehrerin an der damaligen Anna-Siemsen-Schule in Neukölln. Der Unterschied zur Schule in Schleswig-Holstein, an der sie zuvor gearbeitet hatte, hätte größer kaum sein können. Sie war engagierte Eltern gewohnt, Schüler, die Instrumente spielten und im Chor sangen. In Neukölln dagegen habe sie „totales Chaos“ erlebt. Unterricht habe so gut wie gar nicht stattgefunden.

Fürs Leben lernen

Also versuchte Maike Plath es anders: mit Theater. Sie gab den Schülern auf, eigene Texte zu schreiben. Statt den Rotstift anzusetzen, hat sie die Texte ohne Rechtschreibfehler abgetippt und den Schülern so zurückgegeben. „Damit habe ich ihnen gezeigt, dass das, was sie zu sagen haben, wichtig ist.“ Aus den Texten bauten die Schüler ein eigenes Stück – Maike Plath gab ihnen die Methoden des Theaters an die Hand. „Selbstwirksamkeit“ hätten die Schüler so erlebt, sagt Plath. „Da sieht man Mädchen, die sonst ganz schüchtern sind und dann wie Königinnen auf der Bühne stehen. Diese Erfahrung kann ihnen niemand nehmen.“ Gleich mit dem ersten Stück erhielt das Schülertheater eine Auszeichnung durch den Kinder- und Jugendtheater-Wettbewerb „Neuköllner Globus“.

In die Herzen der Schüler gespielt

„Frau Plath ist eine Legende“, sagt Josel, 17, Schülerin aus Neukölln. Während der Probenpause sitzt sie mit den anderen Theaterschülern im Biergarten des Heimathafens. Sie sammeln Wörter, die ihre Lehrerin beschreiben: geduldig, liebevoll, verständnisvoll. „Empathisch“, sagt Josel. Das mit dem Fuß sei passiert, als es während der Proben Streit unter den Schülern gegeben habe. Plath ist gestolpert. Doch selbst danach habe sie sich gar nicht um den Fuß, sondern nur um die Streitschlichtung gekümmert, sagt Hussein, 18, der gemeinsam mit seinem gleichaltrigen Freund Walid schon im zweiten Jahr im Heimathafen Theater macht. „Das ist diese Willensstärke für uns“, fügt Walid hinzu.

Ohne Berührungsängste gegen das System

Doch mit der Schulreform war im Lehrplan kein Platz mehr für Plaths Konzept. „Aber ich konnte nicht mehr zurück, nachdem ich erlebt hatte, wie die Schüler dabei zu Hochformen auflaufen.“ Einige Jahre versuchte sie, zusätzlich zum regulären Unterricht Theater zu machen. Doch das Gefühl wuchs, als Teil des Systems dieses nicht offen kritisieren zu können. Jetzt erst könne sie es den Schülern erlauben, ganz offen von ihren Problemen im Schulalltag zu berichten.

Nach 20 Uhr, als die Schüler längst nach Hause gegangen sind, sitzt Maike Plath immer noch mit den Theatermitarbeitern im Heimathafen. Ihr Telefon klingelt: Es ist eine ehemalige Schülerin, sie möchte unbedingt zur Premiere kommen. Der Kiez der Jugendlichen liegt direkt vor der Tür – Berührungsängste gibt es nicht. „Das ist echtes Volkstheater hier“, sagt Maike Plath.

Die Premiere am Donnerstag, 22. Mai, ist ausverkauft. Karten für die weiteren Aufführungen bis zum 11. Juni gibt es im Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Str. 141, und per Mail: karten@heimathafen-neukoelln.de, Eintritt: 5 Euro. Weitere Infos unter Telefon: 56 82 13 33 und: www.heimathafen-neukoelln.de.

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