Premiere : Von brutal bis herzlich

Die Eröffnung der "Dreigroschenoper" im Berliner Admiralspalast hatte einen Hauch von Bayreuth. Campino wurde als Mackie Messer gefeiert, die Regie hingegen erntete Buh-Rufe.

Berlin - An der Premiere von Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" im Berliner Admiralspalast kam wirklich niemand vorbei: In Talkshows, Zeitungen, Zeitschriften, im Radio, selbst als Bahnreisender im DB-Magazin sah man sich mit Interviews von Klaus Maria Brandauer oder Campino konfrontiert. Den letzten Kick erhielt der einzigartige Marketingfeldzug für eine Theateraufführung durch die bange Frage: "Wird der Admiralspalast in Berlin fertig bis Freitagabend?" Er wurde bespielbar, nicht fertig, aber die Premiere der Brecht'schen Gauner-Ballade in der Regie von Brandauer mit Campino in der Hauptrolle ging planmäßig über die Bühne. Das Darsteller/Sänger-Ensemble wurde stürmisch gefeiert. Für die Regie hingegen gab es heftige Buh-Rufe.

Ein Hauch von Bayreuth wehte am Premierenabend über der neuen, privaten Theater-Spielstätte: Menschen mit "Suche Karten"-Schildern flankierten den Roten Teppich ebenso wie Schaulustige und Fotografen in drängelnden Dreierreihen. Die Schauspieler Ulrich Matthes, Martina Gedeck, Peter Lohmeyer und Herbert Knaup wollten sich die Premiere ebenso wenig entgehen lassen wie Regisseur Oskar Roehler ("Ich würde den Mackie Messer mit Lenny Kravitz besetzen"), Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) oder Schriftsteller Rolf Hochhuth.

Geruch von Zement und feuchtem Neubau

Beim Betreten des Gebäudes konnten alle schnell erahnen, warum es die Diskussion um die rechtzeitige Fertigstellung gegeben hatte: In der Luft hing noch der Geruch von Zement und feuchtem Neubau. Der letzte Handwerker, so schien es, hatte rasch vor dem ersten Premierengast mit dem Mörteleimer in der Hand das Haus verlassen. Und spätestens beim Gang zur Toilette sah sich der Premierengast mit nacktem Betonboden und Zementstaub konfrontiert.

Wer die "Dreigroschenoper" schon mal gesehen hat, der hat sie so oder so ähnlich erlebt wie jetzt im Admiralspalast. Die Erben Bertolt Brechts interessieren sich konsequent für die Details einer jeden Brecht-Aufführung und verlangen Zurückhaltung vom Regisseur im Umgang mit dem Stück. Dafür ist der Zuschauer dann aber auch gefeit vor Auswüchsen des Regietheaters und muss keine Furcht vor Provokationen haben. Brandauer inszenierte die Gangster-Ballade in tristen Kulissen, eben im London des 19. Jahrhunderts, wie es Brecht einst vorsah. Dass die Bühne dabei ebenso unfertig und rasch zusammengezimmert wirkte wie der gesamte Admiralspalast an diesem Abend, fügte sich zu einem Gesamtbild zusammen.

Schauspielerin Minichmayr Star des Abends

Campino, der Sänger der Punkrock-Band Tote Hosen, redete wie Campino und sang wie Campino. Dem ungelernten Schauspieler in der Rolle des Obergauners Mackie Messer galt im Vorfeld die größte Aufmerksamkeit im gesamten Ensemble. Das schleppte der 44-jährige Rockstar noch eine ganze Weile nervös mit sich herum, bevor er sich frei sang. Er hat eigentlich Routine darin, mit seiner Stimme große Säle zu füllen. Und es machte ihm auch auf der ungewohnten Theaterbühne zunehmend Freude, mal brutal, mal herzlich vor 1700 Gästen den Mann von Welt zu geben. Das Publikum dankte ihm mit kräftigem Applaus nach jedem Song.

Mit eher dünnen Stimmen, dafür mit mehr Schauspielerei stemmten sich Gottfried John als Peachum und Katrin Saß als seine Frau dagegen an. Zum Star des Abends aber wurde die Schauspielerin Birgit Minichmayr als Polly Peachum, einer der Frauen des Gangsterbosses Mackie Messer. Überhaupt waren es die Frauen im Ensemble, die den ordinären, manchmal traurigen oder auch aggressiven Ton der Songs am besten trafen.

Mit dieser privaten Theaterproduktion wurde der legendäre Berliner Kultur- und Vergnügungspalast an der Friedrichstraße, unweit von Brechts einstiger Wirkungsstätte, dem Berliner Ensemble, zu neuem Leben erweckt. Bis 24. September wird dort die mehr als drei Millionen Euro teuere "Dreigroschenoper"-Inszenierung gezeigt. (tso/ddp)

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