Berlin : Prenzlauer Allee: Mail statt Mehl: Backfabrik wird Mediencenter

Henning Kraudzun

Wo früher Technoklänge hallten, sollen bald in zahlreichen Büro-Lofts die Tastaturen klappern. Die ehemalige Backfabrik an der Prenzlauer Allee Ecke Saarbrücker Straße, die bis Ende September die Szeneclubs "Casino", "Cookies" und die "Tangobar" beherbergte, wird zum Medienstandort umgebaut. Am 24. November wird dort in Anwesenheit von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse der erste Spatenstich vollzogen. Derzeit laufen bereits Abrissarbeiten in den fünfgeschossigen Backsteingebäuden.

Das Vorhaben der Berliner Immobilienfirma R.E.M.M. sieht die komplette Sanierung der sechs Gebäude vor. Anfang diesen Jahres hatte Firmenchef Hargen M. Bartels das Gelände gekauft. Kurz darauf gründete er das Projekt "Backfabrik.de", das in den nächsten Jahren ein Medienzentrum etablieren will. Für 110 Millionen Mark entstehen bis zum Herbst 2002 über 20 000 Quadratmeter Nutzfläche in den ehemaligen Fabrikhallen, in die Multimedia- und IT-Firmen einziehen sollen. Die Pläne sehen auch einen Neubau parallel zur Prenzlauer Allee vor - mit weiteren 5000 Quadratmetern Bürofläche und 250 Tiefgaragenplätzen. Mit dem Neubau soll im nächsten Jahr begonnen werden.

Der Komplex steht für eine bewegte Industriegeschichte. Vor dem Krieg befand sich dort die Aschinger-Zentrale. Das Unternehmen, mit dem sich die erste - damals noch nicht so genannte - Fast-Food-Gastronomie in Berlin verbindet, stellte in den weitläufigen Fabrikhallen Bockwurst mit Kartoffelsuppe oder Linsen mit Speck für seine zahlreichen Filialen her. Zu DDR-Zeiten richtete "Bako", das volkseigene Backwarenkombinat, dort eine Produktionsstätte ein. Schrippen und Brot liefen hier vom Band.

Nach der Wende übernahm Großbäcker Horst Schiesser das Kombinat von der Treuhand, um es als Backfabrik mit 250 Mitarbeitern weiterzuführen, hielt aber nicht lange durch. Vor drei Jahren musste er hoch verschuldet Konkurs anmelden. So war an der Prenzlauer Allee endgültig der Backofen aus. Seitdem gammelten die Gebäude vor sich hin.

In der Zwischenzeit nutzte das "Casino" noch einen Anbau an der Saarbrücker Straße. Das "Cookies" und die "Tangobar" erhielten vom Clubbetreiber Nutzungsverträge. Der beliebte Szenetreff musste jedoch bald wieder aufgeben: Gleich nach dem Verkauf an R.E.M.M. teilte das Umweltamt der Immobilienfirma mit, dass das "Casino" die behördlichen Auflagen nicht erfülle. Zudem hatten Anwohner über Lärm geklagt. Am 30. September lief der Mietvertrag aus, das "Casino" zog aus.

Jetzt wird das geschichtsträchtige Fabrikgelände nach Plänen des Aldo-Rossi-Schülers Marc Kocher behutsam restauriert. Der Investor geht davon aus, dass bis zum April 2001 das erste Gebäude an der Saarbrücker Straße saniert ist. Über flexible Raumgrößen, Breitbandkabelanschlüsse und die Vernetzung im Gebäude sollen gute Voraussetzungen für Firmen aus der New Economy geschaffen werden. "Die Leute sollen einziehen und sofort loslegen können", sagt Sybille Gernhardt, die Pressesprecherin der Backfabrik. Wenn alles nach Plan laufe, sollen über 2000 Arbeitsplätze an der Prenzlauer Allee geschaffen werden.

Das Vorhaben kommt in der Politik gut an. Auch das Bezirksamt will das künftige Medienzentrum unterstützen. Prenzlauer Bergs Wirtschaftsstadträtin Ines Saager (CDU) sieht die Backfabrik als weiteren Baustein in ihrem Konzept, viele Jungunternehmen aus der Computer- und Internetbranche im Bezirk anzusiedeln. "Dabei ist die Backfabrik ein Signal für die Wirtschaft im neuen Großbezirk." Für die riesigen Säle mit Raumhöhen von bis zu sechs Metern, die nach R.E.M.M.-Angaben größtenteils unter 30 Mark zu haben sind, liegen bereits konkrete Anfragen vor. Da im Neubau vorwiegend kleinteilige Flächen für Startups angeboten werden, sieht Firmenchef Bartels ausreichend Synergieeffekte: "Vorne sitzen dann die Neugründungen, die ihre Idee gerade zum Beruf machen wollen und hinten im Altbau die etablierten Firmen." Treffen könne man sich dann an der gepflasterten Piazza im Innenhof. Dort sollen zahlreiche Restaurants einziehen.

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