Prenzlauer Berg : Adieu, Buckelpiste! Berlins Kopfsteinpflaster verschwindet

Wegen Bauarbeiten wird eine Straße in Prenzlauer Berg zur Hauptverkehrsader. Dafür müssen 100 Jahre alten Pflastersteine weichen.

Pascale Müller
Vorfahrt für Asphalt: Kopfsteinpflaster ist begehbare Geschichte, aber deutlich geräuschintensiver als moderner Straßenbelag. An manchen Stellen, wie hier im Wedding, verschwindet darum das alte Pflaster.
Vorfahrt für Asphalt: Kopfsteinpflaster ist begehbare Geschichte, aber deutlich geräuschintensiver als moderner Straßenbelag. An...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Zum Pflasterstein haben die Berliner ein inniges Verhältnis, bürgerliche Kreise pflegen ihn als Gegenstand der Nostalgie, antibürgerliche missbrauchen ihn zuweilen als Wurfgeschoss. Im gelblichen Schein der Gaslaternen und zu Füßen schmucker Altbaufassaden, sind die holprigen Straßen begehbare Geschichte. Die historische Straßenbautechnik, die schon die Ägypter und Babylonier kannten, macht für viele Berliner von Charlottenburg bis Neukölln den rustikalen Charme ihrer Wohnstraßen aus.

Es sei denn Touristen mit Rollkoffern rattern über die Buckelpiste. Oder schlimmer: Ein 40-Tonner quält sich über den unebenen Untergrund und verursacht einen Höllenlärm. Unter anderem aufgrund des Lärms findet die Ära der Steine langsam aber sicher ihr Ende. So auch in der Malmöer Straße im Prenzlauer Berg – zum Unmut der Anwohner.

Baumaßnahmen an der Bösebrücke, die für zwei Jahre gesperrt wird, machen eine Umleitung durch die Malmöer Straße nötig. Damit wird diese zur Hauptverkehrsstraße mit erhöhtem Verkehrsaufkommen. Die 100 Jahre alten Pflastersteine müssen dafür weichen. Sie sind einfach zu laut. Bei 50 Stundenkilometern ist der Verkehrslärm an einer gepflasterten Straße um sechs bis sieben Dezibel höher als an asphaltieren, bei Tempo 30 sind es immer noch drei bis vier Dezibel.

Straßen in Rixdorf stehen unter Denkmalschutz


„Die Bürger, die das jetzt bedauern, würden sich bei der Umleitung umschauen“, sagt Bezirksstadtrat Jens-Holger Kirchner (Bündnis 90/Grüne). Er versteht die Aufregung der Anwohner um den Verlust der Steine nicht. „Ich kann das rein atmosphärisch nachvollziehen, aber jenseits von der historisch-romantischen Anmutung einer Dorfstraße sind Pflastersteine kaum geeignet. Der Asphalt, der jetzt kommt, diene vor allem dem Lärmschutz der Anwohner, so Kirchner.

Auch andere Bezirke sind schon seit langem immer mehr auf Asphalt umgestiegen, unter anderem weil Bürger immer wieder über den Lärm klagten. Von 1999 bis 2010 ging der Anteil des Kopfsteinpflasters um gut 300.000 Quadratmeter zurück. Einige der verbliebenen Straßen stehen inzwischen unter Denkmalschutz, etwa im historischen Neukölln-Rixdorf. Laut Senatsverwaltung für Stadtentwicklung waren Anfang 2014 noch etwa 13 Millionen Quadratmeter Berliner Straßen bepflastert. Ein Aussterben des Pflastersteins ist also nicht so bald zu befürchten.

Stadtrat Kirchner glaubt trotzdem, dass der unpraktische Straßenbelag im Zug von Modernisierungsmaßnahmen ganz verschwinden wird. „Wir haben ja schließlich auch kaum noch Häuser mit Ofenheizung. Aus gutem Grund “, sagt er. Außerdem sei der Straßenbelag vor allem für Fahrradfahrer unzumutbar.

Vor den Pflastersteinen wurden schon andere Ur-Berliner Einrichtungen abgeschafft: 2012 wurden berlinweit 8000 Exemplare alter Gaslaternen aus den 50er Jahren ausgetauscht, die wie das Kopfsteinpflaster zwar hübsch, aber viel Energie kosteten. Es sieht also nicht rosig aus für die Zukunft des Kopfsteinpflasters.

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