Berlin : Prenzlauer Berg: Berliner gehen in den Untergrund

Annette Leyssner

"So, wie manche sich das vorstellen - Deckel auf, und dann begrüßen einen 20 000 Ratten, ist das nicht", informiert Ralf Jannek seine Gruppe, die ausgeharrt hat, um die Berliner Unterwelt zu erkunden. Dies konnten Interessierte gestern beim Tag der offenen Tür der Berliner Wasserbetriebe (BWB) in Prenzlauer Berg.

So einladend wie gestern zeigt sich die Kanalisation allerdings nur für Gäste. Für sie haben die Mitarbeiter der BWB zwar keinen roten Teppich ausgelegt, aber "fast mit der Zahnbürste" geputzt, ein Aggregat zwecks Frischlufteinleitung aufgestellt und die Rutschgefahr mit Sand und Holzbohlen minimiert. Keine Spur mehr von dem Rattennest auf dem Treppenabsatz, das die BWB-Mitarbeiter regelmäßig entfernen müssen. Überhaupt machen sich die Nager rar und bedienen sich heute nicht am träge hinplätschernden gelblich-braunen Rinnsal, auf das die Besucher von einer Brüstung hinabsehen. Was der Berliner so die Toilette herunterspült ist laut Jannek ein "herrliches Buffet" für die Tiere.

Die neunjährigen Zwillinge Kai und Sven Knappe sind fast ein wenig enttäuscht: "Ich dachte, das stinkt mehr und da sind mehr Viecher", sagt Kai. Auch von den 18 Tonnen Abfall, die unsachgerecht in der Toilette enden, ist nichts zu sehen. Aber schließenden soll es ja nicht um den Ekel-Kick, sondern um die Leistung von James Hobrecht gehen. Unter seiner Leitung begann 1873 der Bau der Kanalisation. Kaum auszudenken, würden die 130 Liter Wasser, die jeder Berliner täglich verschmutzt, wie früher durch 60 Zentimeter tiefe Gossen zwischen Fahrdamm und Bürgersteig in die Spree fließen. Die dadurch begünstigten Typhus-Epidemien brachten besonders Rudolf Virchow dazu, auf ein unterirdisches Entwässerungssystem zu drängen. Mit den heutigen 8600 Kilometern Rohrnetz könnte eine Direktverbindung von Berlin nach Peking gelegt werden.

Nächsten Sonntag ist von 10 bis 16 Uhr an der Hohenstaufenstraße Ecke Martin-Luther-Straße die Schöneberger Kanalisation zu erkunden. Wer nicht nur wissen will, wo das Wasser bleibt, sondern auch herkommt, erfährt dies im Museum im Wasserwerk Friedrichshagen am Müggelseedamm 307.

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