Prenzlauer Berg : Der tägliche Kampf gegen die Kettensäge

Anwohner im Prenzlauer Berg wehren sich gegen Baumfällungen. Sie fühlen sich vom Bezirksamt bevormundet. In dieser Woche wurden bereits 60 Traubenkirschen gefällt.

Werner Kurzlechner
Baumfällungen
Anwohner protestieren gegen Baumfällungen. -Foto: David Heerde

Pankows Bezirksbürgermeister Matthias Köhne (SPD) hat es derzeit schwer – selbst wenn er Gutes tut. Am Freitag pflanzte er an der Pradelstraße eine Robinie, unter gellenden Pfiffen und Protesten. Vielen in Prenzlauer Berg gilt er als eiskalter Bürokrat, der Straßenbäume umsägen lässt und Bürgerwünsche ignoriert. Der Streit um die derzeitigen Fällaktion spiegelt die Kluft zwischen den Ansprüchen der Kiezbewohner und einer Verwaltung wider, die nach eigenem Ermessen nur ihre Pflicht tut.

Ein bezeichnendes Vorspiel trug sich im März in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) zu. Köhne hielt nüchtern fest, Straßenbäume eigneten sich nicht als Gegenstand demokratischer Entscheidungen. Damals sollte er sich für das unangekündigte Umsägen zweier Traubenkirschen im Gleimviertel rechtfertigen. Es sei Gefahr im Verzug gewesen, deshalb habe er die sofortige Fällung anordnen müssen. Köhne trägt so etwas kühl vor, beinahe spöttisch. Für Pankow ist der ehemalige Büroleiter von Klaus Wowereit oft ein Segen, etwa wenn er erfolgreich mit dem Senat um Geld verhandelt. „Aber Straßenbäume sind ein gefühlvolles Thema“, sagt Heiner Funken vom Bürgerverein Gleimviertel. Deshalb erntet Köhne derzeit blanke Wut.

Diese Woche ließ das Bezirksamt dort nicht zwei, sondern 60 Traubenkirschen fällen. Meist ging das nur gegen Widerstand von einigen Dutzend Bürgern, die ein Polizeiaufgebot in Schach halten musste. Schon am Montag an der Korsörer Straße zeigten sich verschiedene Facetten des Protestes. Auf einem Balkon trommelte eine Frau im grauen Kapuzenpulli mit zwei Kochtöpfen gegen das Brummen der Kettensägen an. Angetreten war aber auch ein Naturschutztourist aus Neukölln, der gegen einen ähnlichen Kahlschlag im Charlottenburger Lietzenseepark protestierte. Aktivisten verteilten Flyer mit Totenkreuzen. Der Bürgerverein Gleimviertel tauscht sich auch mit den Kreuzbergern aus, die für die Bäume am Landwehrkanal kämpfen. Als dann die Polizei Demonstranten auf den Bürgersteig drängt, ruft eine Frau: „Zersägt Köhne!“

Einige hier finden, der Bürgermeister und Umweltstadtrat Köhne müsse zurücktreten – wegen der Traubenkirschen: einer in West-Berlin weithin unbekannten Sorte, von der fast 1200 Exemplare in Prenzlauer Berg gepflanzt wurden. 70 brachen inzwischen bei Sturm ab, zuletzt am 13. März auf dem Ostseeplatz. Vergangene Woche standen noch 686 Traubenkirschen. 60 von 106 untersuchten Bäumen stellten eine akute Gefahr dar. So steht es im Gutachten, auf dessen Grundlage Köhne handelt. Er sah keinen Anlass, darüber zu diskutieren.

Die Bewohner der Kieze in Prenzlauer Berg aber schon. Denn sie fühlen sich von den Behörden bevormundet und halten das Umweltamt für eine letzte Bastion aus DDR-Zeiten. „Im Gleimviertel ist die Duldsamkeit gegenüber Verwaltungsirrsinn gering“, sagt Funken. Durchsetzen konnten sich die Bewohner seiner Erfahrung nach immer erst in der Konfrontation. Der Mauerpark zum Beispiel ist allen Bezirksplänen zum Trotz noch immer unbebaut. Bei den Traubenkirschen setzten Bürgerverein und die Initiative „Rettet die Straßenbäume“ von der Bremer Höhe das Recht durch, vor Fällaktionen gehört zu werden.

Sie haben es jetzt nicht in Anspruch genommen, weil ihnen die Einlesezeit von drei Tagen für zwei Aktenordner nicht reichte. Stattdessen bestellten die Initiativen ein Gegengutachten, das die Notwendigkeit der Fällungen bei der Hälfte der Bäume bezweifelt. So versanden die zarten Ansätze eines Miteinanders verlässlich. Der Bürgermeister verhielt sich aus seiner Sicht dialogbereit, die Bürger in Prenzlauer Berg fühlen sich trotzdem verschaukelt. „In Zehlendorf kippten während des Orkans Kyrill gesunde Kiefern um“, sagt Funken. Er verspricht, dem Bezirksamt auf der BVV-Sitzung am Mittwoch „die Hölle heiß zu machen“. Bis dahin dürften weitere Proteste die noch ausstehenden Fällungen etwa an der Lychener Straße begleiten. Fast alles in diesem Streit erscheint doppelbödig: Dass der Bezirk Nachpflanzungen lange Zeit ablehnte, erhitzte die Gemüter. Nun stellte das Land dafür 150 000 Euro zweckgebunden bereit. Aber nur für die Sanierungsgebiete, zu denen das Gleimviertel nicht zählt. Doch auch dafür wolle er noch Geld auftreiben, bekundet Köhne.

Sogar wer Geld für neue Bäume spenden will, muss sich in Pankow zwischen den Lagern entscheiden. „100 Bäume für Pankow“ heißt die Aktion des Bezirksamtes. Die Bürger halten mit dem „Pankower Weg“ gegen. Hier kann man für Bäume spenden, an deren Pflege man sich aktiv beteiligen will. Kürzlich pflanzten sie an der Buchholzer Straße eine Amurkirsche. Dieser Jungbaum braucht wohl noch einige Zeit zum Heranwachsen – ebenso wie das Miteinander im Bezirk.

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