Prenzlauer Berg : Junge Pioniere mit Eigenheim

Die Gegend am ehemaligen Schlachthof in Prenzlauer Berg ist Berlins aufstrebendste Gegend. Die Alteingesessenen hoffen auf Toleranz.

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Aufbauhelfer. Junge Familien haben sich in den neuen Townhouses angesiedelt, die auf Industriebrachen gebaut wurden. Die Zuzügler...

Die grunzenden Schweine, ihre kurzen Schreie, schließlich das frische Fleisch am Werkstor. Elisabeth Kropp kann sich noch genau erinnern. Die Rentnerin wohnt in der Thaerstraße, wo sich eine schmale Zunge Prenzlauer Berg zwischen Friedrichshain und Lichtenberg schiebt. Einst ist von hier ganz Berlin mit Fleisch versorgt worden. Noch in der DDR waren auf dem Schlachthof 2700 Arbeiter beschäftigt. Nach der Wende blieb nur der Fleischgroßmarkt in Moabit übrig, die Industriebrache interessierte niemanden – bis vor ein paar Jahren an der Eldenaer Straße neue Häuser für Jungfamilien entstanden.

Elisabeth Kropp blickt auf die Neubauten zwischen ihrem Altbaukiez, der schon zu Friedrichshain gehört, und den S-Bahn-Gleisen. Der Senat hat das vor ihr liegende Gebiet, in dem noch gebaut wird, gerade zum Wohnviertel mit den besten Entwicklungschancen der Hauptstadt erklärt. Von den erst 600 Anwohnern sind nur 25 arbeitslos, gerade 20 bekommen Hartz IV. In den großen Fensterfronten der Reihenhäuser, deren Glas bis auf den Parkettboden reicht, sieht man leger gekleidete Freiberufler mit Computer und Trinkschalen voll Kaffee sitzen.

Rund 100 Meter weiter in Frau Kropps Thaerstraße trinken zwei Männer mit Fünf-Tage-Bart Kaffee aus Plastikbechern, die aus einem Automaten stammen. In der Tasche seines graublauen Mantels hat einer der beiden eine Flasche Bier verstaut – Marke: Sternburg. Ein Sportstudent aus der nahen Straßmannstraße sagt, noch merke man nicht, dass die neue Siedlung den angrenzenden Friedrichshainer Kiez verändere. Von Gentrifizierung – der Umwandlung von Arbeitervierteln in teure Szenekieze, vor allem durch den Einzug einkommensstarker Neulinge in die sanierten Wohnungen der verdrängten Alteingesessenen – könne kaum die Rede sein: Hier, wo Kurt-Exner-Straße und Otto-Ostrowski- Straße aufeinandertreffen, beide übrigens nach Sozialdemokraten aus Prenzlauer Berg benannt, habe niemand gewohnt, den man hätte verdrängen können. Noch kostet der Cappuccino im Café 1,80 Euro. Ärgern dürfte die noch etwas karge Bildungsbürgersiedlung die Sprüherszene: Sie tobte sich in den 90er Jahren an den leeren Industriehallen aus, publikumswirksam waren ihre Graffiti aus der am Bahnhof Storkower Straße bremsenden S-Bahn zu bestaunen.

Doch wer durch die schnörkellosen Neubauten geht, spürt, dass das zugezogene Bürgertum die Gegend schon im Frühling deutlicher in Beschlag nehmen wird. Noch sind nicht alle Eigentumswohnungen verkauft, auch einige der vierstöckigen Reihenhäuser sind leer. Allerdings parken in der Siedlung der Pioniere auch vor leeren Häusern schon familiengerechte Großkutschen, aus einem BMW mit süddeutschem Kennzeichen steigt ein offenbar am Erwerb von Wohneigentum interessiertes Paar. Etwas weiter die Straße runter steht ein Saab, traditionell das Auto liberaler Bildungsbürger. Das Entstehen eines neuen Viertels hat die Politik sicher gewollt, Quartiersmanager braucht diese Siedlung aber nicht, auch wenn das soziale Leben auf der Straße derzeit noch zu wünschen übrig lässt.

Nachgeholfen hat man hingegen zwei S-Bahn-Stationen weiter, am Helmholtzplatz, ebenfalls in Prenzlauer Berg. Kaum ein Kiez im Osten der Stadt hat sich so gewandelt. Vor der Wende lebten in den unsanierten Altbauten die eher Unangepassten, viele Künstler, noch mehr Trinker. Heute sehen die Häuserfronten wie in einer Vorabend-TV-Serie aus, Bionade-Berliner mit Bayern-Dialekt schieben kunterbunte Kinderwagen durch den Kiez. Die Aufwertung der Gegend hat ein paar Jahre gedauert, doch das Quartiersmanagement hat seine Arbeit schon Ende 2005 eingestellt: „Viele Projekte waren erfolgreich, sodass in den letzten Jahren einiges erreicht wurde“, hieß es zufrieden. In einigen Straßen sind seit der Wende 80 Prozent der Bewohner ausgetauscht worden: Meist sind einkommensschwache Berliner durch einkommensstarke Süddeutsche ersetzt worden. Nur ein paar Trinker und ihre Hunde sammeln sich weiter mitten auf dem Platz.

Milde zeigt sich eine Ur-Berlinerin, die in der Nähe wohnt: Die Neureichen haben den Kiez erobert, wissen aber, dass liberale Großstädter auch mit Trinkerszene und bellenden Hunden leben können müssen.

Das findet auch Elisabeth Kropp – und hofft auf Toleranz im neuen Vorzeigeviertel am ehemaligen Schlachthof.

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