Prenzlauer Berg : Kollwitzplatz: Prekäres Paradies

Am Kollwitzplatz ist nach langjähriger Sanierung ein Wohlfühlkiez entstanden - doch der hat seinen Preis. Jetzt wird darüber gestritten, ob hier „Verdrängung“ oder ein „moderater Wandel“ stattgefunden hat.

Werner Kurzlechner

Die Pankower leben besonders gerne in ihrem Bezirk. Das hat gerade erst eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes „Info“ gezeigt. 93 Prozent fühlen sich in ihrem Kiez wohl – höher ist die Quote nirgends in Berlin. Vielleicht liegt es auch an diesem ausgeprägten Wohlfühlfaktor, dass die Angst vor Verdrängung im Ortsteil Prenzlauer Berg so groß ist. Und die Diskussion darüber mitunter so leidenschaftlich wie am Montagabend, als Experten und Anwohner über die Ergebnisse der Stadterneuerung am Kollwitzplatz stritten.

Lediglich 17,3 Prozent der heutigen Bewohner lebten laut einer Sozialstudie des Stadtplanungsbüros PfE bereits vor 1993 im ehemaligen Sanierungsgebiet, dessen Förderstatus Ende Januar auslief. Das Nettohaushaltseinkommen liegt im Durchschnitt inzwischen bei rund 2300 Euro. Für linke Kritiker weist das auf eine kalte Vertreibung der alteingesessenen Bewohner hin. „Meine Erfahrung ist, dass Häuser von den Eigentümern schlicht leergemacht wurden“, so Bezirksstadtrat Michail Nelken (Linke).

Auf Grundlage der PfE-Zahlen hebt am Beispiel des Vorzeigekiezes eine Debatte an, inwieweit die Erneuerung geglückt und sozial abgefedert worden ist. In die Rolle des Provokateurs schlüpfte Wolf Schulgen, Abteilungsleiter in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung: „Ist es denn unzumutbar, in Großsiedlungen wie das Märkische Viertel umzuziehen?“ Zu DDR-Zeiten sei es doch sogar als Erfolg empfunden worden, dort unterzukommen, meinte Schulgen – und erntete Buhrufe. Schulgen widersprach der Formel der Aufwertungskritiker: dass die Erneuerung zwar baulich, aber nicht sozial geklappt habe. Beides sei der Fall, man fühle sich auch als Besucher am Kollwitzplatz wohl – „eine Erfolgsgeschichte“. Schulgen empfahl den Blick in andere Sanierungsgebiete in Berlin: „Dort versuchen wir heute, mit Quartiersmanagement soziale Probleme zu beseitigen.“

Die Kontroverse spiegelt sich auch in den Bewertungen der Soziologen Andrej Holm und Hartmut Häußermann nieder. Laut PfE-Studie liegt die durchschnittliche Nettokaltmiete am Kollwitzplatz bei erträglichen 5,50 Euro pro Quadratmeter – auch dank langfristiger Mietpreisbindungen. 9 Euro müsse jedoch berappen, wer heute neu in den Kiez ziehen will. „Das ist zumindest indirekte Verdrängung“, so der derzeit in Frankfurt am Main forschende Holm. Geringverdiener fänden kaum noch bezahlbare Wohnungen. Als Einschnitt nannte Holm unter anderem das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts von Mai 2006, das Mietobergrenzen für rechtswidrig erklärte. Mittlerweile lägen die Preise für neuvermietete Wohnungen 20 Prozent über dem Berliner Durchschnitt. Das sei Spitze in der Berliner Innenstadt.

Anders als sein Schüler Holm weigert sich Häußermann, von Gentrifizierung überhaupt noch zu sprechen – das sei ein „politischer Kampfbegriff“ geworden. Der soziale Wandel habe sich im Kiez relativ moderat vollzogen, „auch wenn das der allgemeinen Wahrnehmung widerspricht“, so Häußermann. Das Gros der Weggezogenen seien „Flüchtlinge“ – Menschen, die freiwillig gegangen seien. Der grüne Bezirksverordnete Peter Brenn unterstrich das: „Vor der Sanierung war das hier eine andere Welt. Ich habe im Winter Heizstrahler aufgestellt, damit das Klo nicht einfriert.“ Um besser wohnen zu können, habe er wie viele andere Prenzlauer Berg verlassen. Von „Verdrängung“ könne nicht die Rede sein.

Häußermann beschrieb derweil auch die andere Seite. „Die Vertriebenen gibt es auch“, so der Soziologe. „Leute wurden aus ihren Wohnungen gemobbt – oder einfach herausgekauft.“ Viele Einzelfälle, aber eben nicht die Regel. Skeptischer blickt Häußermann in die Zukunft. Der Trend zu schicken Eigentumswohnungen treibe die Mieten hoch. Das gefährde die soziale Mischung und langfristig das bunte, attraktive Leben im Kiez. Dagegen könne eine verstärkte Förderung von Sozialwohnungen helfen – „aber das ist ein gesamtstädtisches Problem“.

Theo Winters, Geschäftsführer der Stadterneuerungsgesellschaft „Stern“, widersprach der These, Prenzlauer Berg entwickle sich zu einem zweiten Steglitz-Zehlendorf. „Die Einkommen erscheinen zwar hoch, aber sie sind prekär.“ Noch sei offen, wie hart die Wirtschaftskrise die Selbstständigen und Freiberufler am Kollwitzplatz treffen werde. Winters wehrte sich auch gegen eine allzu negative Beurteilung der vergangenen Jahre. Mithilfe von Genossenschaftswohnungen oder Mieterberatung habe man Verdrängungsprozesse durchaus dämpfen können. „Wir haben einiges erreicht“, so Winters.

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