Berlin : Presslufthämmer zum Geburtstag

Am 2. November wird der Alexanderplatz 200 Jahre alt. Keiner feiert das Jubiläum. Warum? Er ist eine einzige Baustelle. Besuch an einem Ort, der sich gerade neu erfindet

Lothar Heinke

Presslufthämmer und Dampframmen spielen das Geburtstagsständchen. Als Gratulanten grüßen Maurer, Zimmerleute, Gerüstbauer und Kranführer. Der Wind weht hellen Staub auf die Geburtstagstorte, es knirscht zwischen den Zähnen. Der Passant möchte fliehen – aber wohin? U-Bahn-Schächte sind verrammelt, Straßen verengen sich oder wurden mit Gittern umstellt, und wenn man wirklich im Begriff ist, einen Festtagsblumenstrauß zu erwerben, kommt ein Kipper um die Ecke und schwenkt den Ausleger bedrohlich über das Haupt. Noch nie wurde am Alexanderplatz gleichzeitig so viel gebaut wie jetzt, im seinem 200. Jahr .

Am 2. November 1805 erließ König Friedrich Wilhelm III. eine Verfügung, wonach der Wollmarkt- und Exerzierplatz nunmehr Alexanderplatz heißen möge, als Geste und Gabe an den russischen Zaren Alexander. Der war bei seinem Staatsbesuch beim preußischen Verbündeten auf eben jenem Paradeplatz vor dem Königstor am 25. Oktober 1805 empfangen worden. Ein rundes Jubiläum also – und niemand in dieser eventfreudigen Stadt veranstaltet einen Zarenball, eine Gala oder wenigstens eine Sondersitzung der Bezirksverordneten.

Wo bleibt Wowis Wollmarktinitiative? Warum schläft die Tourismus-Marketing-Agentur, statt das Jubelfest zu vermarkten? Wahrscheinlich weil der Alex rechtzeitig zum Jubiläum der schmutzigste, lauteste, zugigste und – wegen der leise herbeischleichenden Straßenbahn – lebensgefährlichste Platz Berlins ist. Keine Hochglanz-Visitenkarte, aber eine Schaustelle in das Innenleben einer Stadt im Aufbruch.

Der S-Bahnhof ist eine heile Welt gegen das, was außerhalb der gläsernen Hülle tobt. Ein Windstoß fährt in die Plane, mit der der künftige Hausherr C&A wie einst Christo das Berolinahaus verpackt hat. Es pfeift, was aber noch vom Geknatter mehrerer Kalaschnikows übertönt wird, die, als Pressluftbohrer getarnt, dem Haus den Garaus zu machen scheinen. Hier bleibt kein Stein auf dem anderen.

Das frühere Bezirksamt war jahrelang ein grauer Schandfleck, man hörte kein warnendes Wort der Denkmalpfleger, doch nun, endlich, ist Geld da, viel Geld, und es soll wieder werden, wie es einst war. Bauherr Pegasus aus Wachtendonk hat sich erbarmt: Im Oktober 2006 muss das Büro-Kaufhaus fertig sein, so steht es auf dem Bauschild.

Zwischen Bauzaun und Straßenbahngleisen hockt ein heftig gepierctes junges Mädchen mit einer Jacke, ebenso feuerrot wie Hose und Haar, bittet um ’ne milde Gabe und findet Berlin ebenso „geil“ wie ihren großen braunen Hund Stinki. Der sei „total lieb“, so wie die Augen der ausgebüxten Bürgerstochter aus dem fernen Westen, die heute ihre Nacht irgendwo mit Stinki verbringen wird.

Daneben steht ein Mensch, der seine buddhistischen Gedanken in gedruckter Form verkaufen möchte. Ein anderer setzt gerade zu einem Vortrag über die aktuelle Politik der kommunistischen Internationale an, während ein paar Frauen für kostenlose Schnupperstunden in einem Fitnessstudio werben.

Am Bauplatz hinter dem Alexanderhaus wird man von den Zahlen des Einkaufszentrums „Alexa“ erschlagen: Es hat 54 000 Quadratmeter mit 180 Geschäften, 17 Restaurants und 1600 Parkplätzen. An der „Banane“ auf der Alexanderstraße wird Tag und Nacht gebaut, die Grube ist so tief, dass es scheint, als kippe demnächst die Kongresshalle auf der einen und die S-Bahn auf der anderen Seite in ein tiefes Loch. Hier ist ein Tagebau entstanden mit allem, was dazugehört. Ein bisschen erinnert er an die Schaustelle Friedrichstraße, damals, nur dies hier ist größer und gewaltiger.

Die Mieter und die Grünen protestieren wegen Lärm, Staub und Dreck, die Bauleute freuen sich, dass sie Arbeit haben. Wo gehobelt wird, fliegt der Staub in den Himmel, aber der Betrachter fragt sich besorgt: Wer soll das alles kaufen, was es hier einmal geben wird? Der Alex war immer das Kaufhaus des Ostens. Davor stand die fette Berolina im quirligen Strudel wie eine deutsche Eiche, bis die Nazis sie einschmolzen. Früher gab es freilich weder Arkaden noch Center noch Eastgates ringsum.

Vielleicht stehen hier eines Tages auch noch Hochhäuser – der Berliner Größenwahn scheint da gnadenlos. „Alexa“ jedenfalls soll im Frühjahr 2007 fertig sein.

Da ist die Konkurrenz schneller: Der Galeria-Kaufhof, einst größtes Centrum-Warenhaus der DDR, freut sich auf den Mai 2006. Endlich etwas, das fertig wird zur WM, noch dazu an einem Ort, der sich tausendmal besser als das Spreeufer für kollektiven Siegestaumel eignen würde.

Die meisten Leute, die heute über den Alex eilen, laufen in den von Baugerüsten umstellten Eingang des Kaufhauses mit einer neuen Travertin-Fassade. Dort begegnen sie einem Wunder an Improvisation und Präzision: Der Totalausbau funktioniert bei laufendem Verkauf.

Auf den Rolltreppen fährt man durch einen Bauplatz, läuft roten Pfeilen nach, bis man findet, was man sucht – die Verkäuferinnen lächeln den Baulärm einfach weg. Es sei „so spannend“, sagen sie und sprechen von „unserem Erlebnishaus“. Im fünften Stock ist gerade das neue Dinea-Restaurant fertig geworden, ein Schmuckstück mit fast 600 Plätzen. Die besten befinden sich am Fenster und sind heiß begehrt wegen der Aussicht, fast 30 Meter über dem Platz mit der aufgerissenen Decke vom Bahnsteig der U 2.

Unten wartet wieder die brutale Wirklichkeit. „Den Krach hören wir gar nicht mehr“, sagt die Imbissfrau, „aber immer mehr Punker, Pisser und Penner fühlen sich hier wohl. Das kann’s ja wohl nicht sein, oder?“ Freitagabends treffen sich die Chatter am „Brunnen der Völkerfreundschaft“. „Da müssten Sie mal kommen“, sagt der Wachtmeister von der Streife, die gerade einen Taschendieb gestellt hat und wie eine Auskunftei funktioniert. Am häufigsten wird nach der Weltzeituhr gefragt – „da drüben, 30 Meter nach rechts“.

Am Bauzaun sitzt Sergo aus Georgien, ein Porträtmaler ohne Kunden. Stoisch hockt er im Krach. „Ich bin seit 1991 hier, der letzte Mohikaner.“ Es ist nicht mehr schön jetzt, sagt er, ein bisschen wie nach dem Krieg, aber es kommen auch wieder bessere Zeiten – wenn alles schön fertig ist. „Bloß wann soll das sein?“

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