Berlin : Preußische Motoren-Werke

Lang verschollene Dokumente beweisen: Der Ur-BMW kam vor 75 Jahren nicht aus Bayern, sondern aus Berlin. Die Montagehalle in Johannisthal steht noch

Cay Dobberke

Den „wirtschaftlichsten Kleinwagen der Welt“ versprach vor 75 Jahren die Werbung für den ersten BMW namens „3/15 PS“. Das Auto wurde ein Verkaufserfolg und gewann sogar eine Alpen-Rallye. Doch eines blieb bis heute so gut wie unbekannt: Der Ur-BMW war in Wahrheit ein Berliner. Aus Bayern kamen damals nur Motoren.

Am 22. März 1929 rollte das erste fertige Auto aus einer Montagehalle nahe dem Flugplatz Johannisthal in Treptow – mit einer „1“ auf dem Kühlergrill und einem Thüringer Kennzeichen. Das Nummernschild war auch ein Indiz dafür, dass viele Teile aus den Automobilwerken Eisenach stammten. Der Zweitürer mit 15 PS basierte auf deren Modell „Dixi“, das wiederum ein Lizenzbau des britischen Austin Seven war.

BMW setzte allerdings auf eine andere Karosserie. Statt der noch weit verbreiteten Bauweise aus Stahl und Holz mit Kunstlederbespannung sollte eine modernere Ganzstahlkarosserie verwendet werden. Dafür waren die Werke in Eisenach nicht ausgelegt. Also mieteten die Bayern im Berliner Karosseriewerk „Ambi-Budd“ eine Halle samt geeigneter Maschinen. Bis 1930 entstanden dort 1400 Wagen. Dann wurde die Produktion ins Werk Eisenach verlagert, das BMW inzwischen übernommen und umgebaut hatte.

Diese Entstehungsgeschichte konnten jetzt zwei Autoren eines BMW-Jubiläumsbuches, Rainer Simons und Walter Zeichner, rekonstruieren. Dabei half ein Zufall: Die Tochter des einstigen Berliner Werksleiters entdeckte Fotos und andere Unterlagen ihres Vaters. Für Simons und Zeichner ist das Modell 3/15 PS eine Art „Vorkriegs-Mini“. Die Länge von 3,25 Metern entsprach ungefähr dem Mini Cooper aus den 60er Jahren. Weil trotzdem immerhin vier Erwachene hineinpassten, dachten sich BMW-Werber den Slogan „Innen größer als außen!“ aus. Die Reklame richtete sich vor allem an weibliche Kundschaft und zeigte oft Frauen am Steuer.

Die Wagentüren wurden von innen mit einer Stoffkordel zugezogen. Eine Verbesserung gegenüber dem Vorgänger „Dixi“ waren Fensterkurbeln statt Schiebefenstern. An den hinteren Scheiben gab es Gardinen. Mit Preisen um 2500 Reichsmark war der BMW vergleichsweise billig.

Die alte Montagehalle in Johannisthal gibt es noch, an die Autoherstellung erinnert aber nichts mehr. Zu DDR-Zeiten waren dort verschiedene Produktionsbetriebe ansässig. Gestern kehrte ein restaurierter Ur-BMW aus dem Firmenmuseum einmal kurz an seine Geburtsstätte zurück. Außerdem zog das Auto vormittags vor dem Hotel Adlon am Pariser Platz die Blicke von Passanten auf sich. Dieser Ort war nicht zufällig gewählt. Denn im Adlon hatten BMW-Vertreter einst den Vertrag mit ihren Berliner Partnern ausgehandelt.

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